Berlin : Preußische Sitten

Alkohol im Freien verbieten? Das kann nur nördlichen Protestanten einfallen, spottet der Süden

Lars von Törne

Für Josef Würfel ist es eine Frage der Trinkkultur. Anders kann es sich der Leiter der Alkoholberatungsstelle des Münchner Gesundheitsamtes nicht erklären, dass jetzt in Berlin Kiezstreifen und Drogenbeauftragte schärfer gegen exzessive Trinker in der Öffentlichkeit vorgehen wollen. „Bei uns im Bayern gehört das Trinken in der Öffentlichkeit zur südlich-mediterranen Alltagskultur“, sagt Würfel. „Bier gilt hier als Lebensmittel.“

Das Alkoholtrinken auf Straßen und Plätzen zu verbieten, wie es das Berliner Straßengesetz ermöglicht, hält der Bayer Würfel für ein nicht zur Nachahmung geeignetes Ergebnis des „protestantischen, nördlichen Trinkstils“. Der sei im Gegensatz zu Bayern nicht vom regelmäßigen, gepflegten Alkoholkonsum geprägt, sondern ähnele dem der Skandinavier und Briten auf Urlaubsreisen: „Nicht regelmäßig trinken, aber wenn, dann kracht’s.“

Befremdet bis belustigt reagiert man auch in Köln auf die Debatte in der fernen Hauptstadt. „Wir sind liberaler als Berlin“, sagt Inge Schürmann, Pressesprecherin der Stadt Köln. „Die Bundesrepublik ist ein freier Staat, wir sind eine freie Stadt, und außerdem würde ein generelles Verbot auch das öffentliche Kölschtrinken treffen“ – ein für Köln offenbar undenkbarer Vorgang.

Ähnliches ist auch aus anderen Großstädten zu hören, deren Vertreter sich allesamt dagegen aussprechen, prinzipiell schärfer gegen Trinker an öffentlichen Orten vorzugehen. In Hamburg, Leipzig und Dresden weisen Vertreter der Stadtverwaltung auf ihre Polizeiverordnungen hin, die den Beamten erlauben, Trinker zu verwarnen, zu verweisen oder mit Bußgeld zu belegen, wenn sie andere Menschen belästigen. Alles andere wäre juristisch und im Alltag kaum durchzusetzen, meint zum Beispiel Karl Schuricht, Sprecher der Stadt Dresden. „Wir wollen ja nicht gegen jeden vorgehen müssen, der am Elbufer ein Picknick mit Sekt und Wein veranstaltet.“ Wenn aber jemand „sternhagelvoll vor sich hinlallt“, greife die Polizeiverordnung.

„Sobald jemand zu pöbeln anfängt, kann man gegen ihn vorgehen“, sagt auch Köln-Sprecherin Schürmann. Ein prinzipielles Alkoholverbot wolle man daraus jedoch nicht ableiten: „Wer ruhig trinkt, wird auch nicht behelligt“ – sonst könne man ja gleich den ganzen Stadtwald für die Öffentlichkeit sperren, in dem vor allem Studenten traditionell ihr Kölsch trinken. Etwa einmal täglich greift das Kölner Ordnungsamt wegen störender Trinker ein, sagt Amtsleiter Robert Kilp. „Meistens bleibt es aber bei einer Ermahnung“, sagt er und erklärt das mit der „kölschen Liberalität“.

Eine der wenigen anderen deutschen Großstädte, die das öffentliche Trinken gesetzlich einschränkt, ist Frankfurt am Main – allerdings in engen Grenzen. „Bei uns ist bis zu drei Metern im Umkreis von U-Bahn-Eingängen kein Alkohol erlaubt“, sagt Rainer Michaelis vom Frankfurter Ordnungsamt. Diese kurios wirkende Einschränkung begründet er damit, dass bei einem Notfall in der U-Bahn die Rettungswege nicht durch Trinker verstellt sein sollen – und mit der Gefahr von Flaschen, „die von oben auf die Rolltreppen fallen könnten“. Lars von Törne

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