Berlin : Preußische Tugend, russische Seele

Klaus Wowereit und andere Freunde und Wegbegleiter verabschiedeten sich am Sonntag von Irina Pabst. Die vor einer Woche gestorbene Initiatorin und Grande Dame der Aids-Gala wurde im engsten Kreis beigesetzt

Heidemarie Mazuhn

„Möge der Herr sie in sein Himmelreich aufnehmen“, bat gestern Erzbischof Theophan in der Russisch-Orthodoxen Kirche am Hohenzollerndamm beim Trauergottesdienst für Irina Pabst. Nieselregen und ein traurig grauer Berliner Himmel begleiteten den letzten Weg von Irina Pabst durch ihre Heimatstadt. Auf dem russischen Friedhof in Reinickendorf, dort, wo „fünf meiner geliebten Menschen liegen“, deren Gräber sie besuchte, um mit ihnen Zwiesprache zu halten, fand auch sie am Sonntag ihre ewige Ruhe.

Am 1. Mai war die Charity- Lady in ihrer Dahlemer Villa freiwillig aus dem Leben geschieden. Ein Schock für alle, die ihr nahe standen. Noch Tags zuvor hatte sie einen Aids-Kranken zu dessen Arzt begleitet.

Leise, würdig und intim soll sich die „Grande Dame“ der Berliner Aidshilfe in einem hinterlassenen Brief ihre Verabschiedung aus dem Kreis der Lebenden gewünscht haben. Und so geschah es gestern auch. Lange vor den Trauergästen – unter ihnen Christina Rau, Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süssmuth, Ex-Justizsenatorin Lore-Maria Peschel-Gutzeit, Springer-Chef Mathias Döpfner, Opernsänger Jochen Kowalski, Schauspielerin Judy Winter, Eberhard und Monika Diepgen, Vicco von Bülow und die Mutter der Begum, Renate Thyssen-Henne – sorgte sich Friede Springer persönlich, dass alles nach dem Sinn der Freundin geriet: Weiße Margeriten bedeckten deren Sarg, um den herum in hohen Kandelabern unzählige weiße Kerzen brannten. „Christus ist auferstanden“ leuchtete es in kyrillischer Schrift hoch oben am Altar. Die Verstorbene selbst blickte von einem Foto mit Trauerflor in die Kirche, die Irina Pabst als gläubiges Mitglied der Russisch-Orthodoxen Gemeinde gern und oft aufsuchte und in der ihre Seele gestern nach orthodoxem Ritus dem Schöpfer anvertraut wurde. Auf einem Samtkissen vor ihrem dem Bild erinnerte das Bundesverdienstkreuz an das Lebenswerk der Irina Pabst: Jahrelang kümmerte sie sich aufopferungsvoll um Aidskranke, besuchte sie im Krankenhaus und daheim, tröstete und bekochte sie und sammelte später mit ihrer verwirklichten Idee von einer Aids-Gala Millionen für sie. „Nächstenliebe hat sie gelebt“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der im eigenen und im Namen Berlins „der wunderbaren Frau“ dankte, die durch die Verschmelzung von preußischer Tugend und russischer Seele einmalig gewesen sei. „Adieu Irina“, verabschiedete er sich und verneigte sich vor dem Sarg der jahrelangen Freundin.

„Man wird dich vermissen und dein Platz bleibt leer“, zitierte Ernst Cramer, Vorstandsvorsitzender der Springer-Stiftung, zu Beginn der Trauerfeier aus einem Kapitel des ersten Buch Samuel und erinnerte dann bewegend an das Leben der Irina Pabst, die als Tochter des weißgardistischen Oberst Franz von Udinzoff in Berlin geboren wurde, wohin dieser vor den Bolschewisten aus seiner russischen Heimat geflohen war. Auch an die junge Schauspielerin erinnerte er, die als Irina Garden ihre Karriere startete – und diese 1955 für ihren 1977 verstorbenen Mann Pierre Papst aus Liebe aufgab.

Liebe und Freundschaft bestimmten ihr Leben und füllten ihr großes Herz – vor ihrem Tod unterstrich sie in einem aufgeschlagenen Buch den Satz: „Freundschaft bleibt immer Dienst.“

Warum Irina Pabst den ihren so plötzlich abbrach, bleibt das letzte Geheimnis der Berlinerin mit der russischen Seele. Axel Springer, der beste Freund ihres Mannes, tröstete sie einst bei dessem Tod mit einem Dichtersatz: „Menschen-Los ist Menschen-Leid. Lernt’s ertragen!“. Das zitierte gestern der 90-jährige Ernst Cramer und endete: „Ira konnte es zum Schluss nicht mehr ertragen. Nun hat sie ihren Frieden.“

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