Berlin : Private Kitas stehen vor dem Ruin

ULRICH ZAWATKA-GERLACH

Neue Finanzkürzung droht: 200 Mark je Platz sollen im Dezember abgezogen werdenVON ULRICH ZAWATKA-GERLACH BERLIN.Wenn nicht ein Wunder geschieht, stehen die meisten privaten Kindertagesstätten bald vor dem Aus."Vielleicht überlebt die eine oder andere Einrichtung in den Außenbezirken, wo die Eltern genügend Geld und Zeit mitbringen", sagt Birgit Peters vom Dachverband der Kinder- und Schülerläden (DaKS).Für die innerstädtischen Einrichtungen sieht sie schwarz.Viele der 650 "Elterninitiativ-Kindertagesstätten" (EKTs), die rund 13 000 Kinder betreuen, sind verschuldet, müssen aber noch in diesem Jahr weitere Kürzungen verkraften. Soeben flatterte den EKTs ein Brief des Landesjugendamts ins Haus: Rückwirkend für 1997 werden jeder Einrichtung 200 Mark je Platz abgezogen und die Kürzung mit der Dezember-Zuwendung verrechnet, bestätigte Jugendamtsleiter Wolfgang Penkert.Die Möglichkeiten, darauf zu reagieren, sind begrenzt: Es können noch mehr "freiwillige" Elternspenden eingetrieben, den Erziehern das Weihnachtsgeld gekürzt, Teilzeitarbeit verordnet oder Bankkredite aufgenommen werden.Der DaKS wurde von der Sparmaßnahme im August informiert, weigerte sich aber, als "verlängerter Arm des Senats" die schlechte Nachricht weiterzugeben, die jetzt mit einmonatiger Verspätung bei den Kinderläden ankam. Die Finanzkürzung wird so begründet: Bis 1995 wurde die Kita-Kostenbeteiligung nur zehn statt zwölf Monate im Jahr erhoben, dann schaffte der Senat die beitragsfreien Monate (Juli und Dezember) schrittweise ab.Die zusätzlichen Monatsbeiträge, die die freien Kitas selbst einkassieren, sollen zugunsten der Landeskasse abgeschöpft werden.Die Wohlfahrtsverbände, als freie Träger von Kindertagesstätten, mußten schon 1996 - nach Einführung des 11.Monatsbeitrages - 100 Mark pro Platz an den Senat abgeben; die kleinen EKTs blieben auf Beschluß des parlamentarischen Hauptausschusses verschont."In diesem Jahr können wir die Kinderläden nicht mehr privilegieren, das Geld ist zu knapp", meint Jugendamtsleiter Penkert. In diesem Jahr kürzte die Senatsjugendverwaltung neun Millionen Mark bei den Freie-Kita-Platzgeldern, um die von Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing geforderten Sparbeiträge erbringen zu können, 1998 klafft im Kita-Bereich ein 30-Millionen-Loch.Auch die Wohlfahrtsverbände müssen die jetzt geforderten 200 Mark pro Platz zahlen, können damit aber leben, denn sie nehmen durch den 11.und 12.Monats-Kostenbeitrag entsprechend mehr Geld ein. Bei den EKTs sei der Sparbeschluß aber "kontraproduktiv und widersinnig", kritisiert Hildegard Immendorf vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.Denn die finanzschwachen Kinderläden kannten auch vor 1996 keine beitragsfreien Zeiten: die Eltern zahlten in den "freien" Monaten das übliche Salär, deklariert als Spende.Echte Mehreinnahmen seien bei den Kinderläden kaum vorhanden, so Immendorf."Der Senat zieht dort Spendengelder ein".Im Landesjugendhilfe-Ausschuß wurde gestern ein Antrag des DaKS beraten, die Kürzung auf 150 Mark pro Platz zu beschränken. Pro Tag und Platz erhalten die privaten Klein-Kitas einen staatlichen Zuschuß von 34,19 Mark; das sind im Durchschnitt 67,5 Prozent der Ausgaben.In den einkommensschwächeren Bezirken ist es aber nicht möglich, die restlichen 22,5 Prozent über die Kita-Kostenbeteiligung reinzuholen.In Kreuzberg werden nur 5,8 Prozent der Ausgaben durch die Monatsbeiträge gedeckt.Auch ehrenamtliches Engagement der Eltern - Koch- und Putzdienste, Renovierungsarbeiten und manchmal auch ein Teil der Kinderbetreuung - reicht nicht mehr aus, bei steigenden Miet-, Personal- und Sachkosten die Defizite auszugleichen.

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