Private Postzusteller : Sie protestieren - gegen höhere Löhne

Mitarbeiter privater Postdienste demonstrierten in Berlin gegen einen Mindestlohn in der Branche - trotz der Hungerlöhne, die dort gezahlt werden. Anscheinend wurden Mitarbeiter der Pin Mail dazu gedrängt, an der Kundgebung teilzunehmen.

Michael Hörz
Protest-Postler
Lieber Niedriglohn als Hartz, lautet die Devise der prostierenden Privat-Postler. -Foto: Michael Hörz

BerlinZu der gemeinsamen Demonstration von Angestellten und Arbeitgebern von Pin Mail AG, TNT Post, City-Post und von City Brief Bote versammelten sich etwa 1000 Teilnehmer. Sie zogen vom Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor. Zumindest Pin Mail bezahlte seine Mitarbeiter fürs Demonstrieren, wie einer der grün gekleideten Mitarbeiter tagesspiegel.de vor Ort bestätigte. Pin-Mail-Betriebsratmitglied Klaus Kosching sagte, die Arbeitnehmer seien zwar für einen Mindestlohn, hielten aber 9,80 Euro für zu hoch.

Dem widersprach Pin-Mail-Betriebsratsmitglied Udo Raabe. Er bezeichnete die Demonstration als "voll daneben". Seiner Ansicht nach ist ein flächendeckender Mindestlohn von 9,80 Euro von der Pin durchaus tragbar. Laut Raabe sind auch nicht alle Pin-Mitarbeiter freiwillig zur Kundgebung gegangen. "Vom Arbeitgeber wird Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt", sagte Raabe der Nachrichtenagentur ddp. Solche Methoden sind Raabe zufolge "gang und gäbe". Von den elf Betriebsratsmitgliedern der Pin-Mail seien mindestens vier gegen die Kundgebung gewesen.

Stundenlohn beginnt bei 7,18 Euro

Pin-Mail-Aufsichtsratsmitglied Holm Münstermann zufolge sind durch das Mindestlohngesetz in der gesamten privaten Post-Zustellerbranche 50.000 Stellen bedroht. Allein die Pin Mail beschäftige in Berlin rund 1000 Angestellte. Diese erhielten 8,23 Euro Stundenlohn. Den geplanten Mindestlohn von 9,80 Euro pro Stunde werde kein privates Unternehmen vertragen, sagte Münstermann. Die Aufnahme der Postdienstleistungen in das Entsendegesetz soll am Freitag im Bundesrat beraten werden.

Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi erhalten Pin-Mitarbeiter in Berlin einen festen Stundensatz von 7,18 Euro, der noch um einzelne Prämien ergänzt wird, sodass die genannten 8,23 Euro nicht immer erreicht werden. Zuschläge gibt es für besondere Qualität, Abzüge dagegen, wenn ein Mitarbeiter krank wird oder wenn er Fehler macht. Der neue Lohn gilt übrigens erst seit Sommer 2007, vorher betrug er 5,80 Euro pro Stunde.

Gewerkschaft: Dumpinglohn trotz "satter Gewinne"

Verdi übte scharfe Kritik an der Demonstration. Ein Sprecher bezeichnete die Vorgehensweise von Pin als "blanken Zynismus". Seit Jahren speise Pin seine Beschäftigten mit Dumpinglöhnen ab, obwohl das Unternehmen mittlerweile "satte Gewinne" einfahre. Einige Mitarbeiter von Pin seien auf ergänzende Sozialleistungen durch den Staat angewiesen.

Der Protestmarsch startete um 12 Uhr am Potsdamer Platz Richtung Brandenburger Tor. Gegen 13 Uhr sollte es eine Kundgebung am Pariser Platz geben. Um 14:30 Uhr wollen die Demonstranten dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Abgeordnetenhaus eine Unterschriftensammlung für ihre Forderungen übergeben.

Springer schützt seine Interessen - bei der Pin Mail

Die Pin Mail befindet sich inzwischen mehrheitlich im Besitz des Axel-Springer-Verlags. Die Post erwartet, dass die Blätter des Springer-Verlags ("Bild", "Welt", Welt am Sonntag") ihre publizistische Macht zugunsten der eigenen Geschäftsinteressen einsetzen. Einem Bericht des ARD-Magazins "Report Mainz" zufolge fährt die "Bild" einen klaren Kurs gegen einen Mindestlohn - auch gegen einen in der Postbranche. Denn der Springer-Verlag hat ein klares strategisches Interesse an der Pin-Gruppe. Der Verlag hofft, nach dem Fallen des Postmonopols Anfang 2008 den Markt für Briefe aufzurollen. (mit ddp)

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