Berlin : Privatradio r.s.2 lädt zur Verkupplungs-Aktion

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Wenn eine anatolische Großmutter ihre Hochzeitsgeschichte erzählt, sträuben sich bei so manchem Mitteleuropäer die Nackenhaare. "Unsere Eltern hatten uns füreinander ausgesucht. Das erste Mal sahen wir uns beim Standesamt", heißt es dann. Ungläubiges Kopfschütteln folgt in der Regel dieser Love-Story. Natürlich gingen diesen Vermählungen langwierige Prozeduren voraus. Zum Beispiel durften nur die Eltern des Mannes auf die andere Familie zugehen. Beide Familien versuchten dann, das Beste für ihre Kinder herauszuschlagen. Ist sie hübsch genug für unseren Sohn? Verdient er genug? Hat die Familie einen guten Ruf und er die entsprechende Bildung? Diese und andere Fragen beschäftigten die Familien. Wem das Glück des eigenen Kindes am Herzen lag, erzählte von den Qualitäten des zukünftigen Ehepartners und überließ in der Regel die Entscheidung der Tochter oder dem Sohn. Die Ehen sind heute nicht wesentlich glücklicher oder unglücklicher als die, bei denen die Eheleute "aus Liebe" geheiratet, sich also den Partner selbst ausgesucht haben. Noch heute wird dieses Ritual, sogar von türkischen Männern, die hier aufgewachsen sind, praktiziert, wenn auch alles "moderner" geworden ist - Beziehungsdramen und Scheidungsraten inklusive. Und noch heute wird darüber gelächelt.

"Zwei Fremde, eine Hochzeit" könnte man dieses Verkupplungs-Ritual auch betiteln. Aber vermutlich darf man das aus Markenschutzgründen nicht. Denn so heißt eine Kuppel-Aktion des Radiosenders 94,3 r.s.2. "Würden Sie jemanden heiraten, den Sie bis zum Tag der Trauung garantiert noch nie gesehen haben? Einen Menschen, den Sie wirklich nur aus dem Radio kennen", fragt die Anzeige dazu. Wer Interesse hat, kann sich unter der Telefonnummer 463 30 00 melden. Name und Telefonnummer reichen, sagt die freundliche Stimme auf dem Anrufbeantworter. Die Aktion, an deren Ende ein Paar ausgesucht und nur "stimmlich", also über das Radio, einander vorgestellt wird, soll eine Woche lang laufen. "Wir werden Psychologen, Geistliche und auch das private Umfeld befragen, um uns ein großes Bild von den Leuten zu machen", versichert der Pressesprecher des Privatsender, Michael Weiland. So wollen die Radioleute ein Paar aussuchen, von dem sie glauben, dass sie zueinander passen. Zum Schluss werde einem Paar, "das sich garantiert erst beim Standesamt sehen wird", die gesamte Hochzeit finanziert, so Weiland. Allein zwischen sieben und 12 Uhr 30 hätten gestern ungefähr 15O Leute angerufen. Und er ist Optimist: Am Ende der Aktion rechnet er sogar mit bis zu 2000 Anrufern.

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