Privatwohnungen in Mitte : Die Gelegenheitsvermieter von Berlin

Sie nennen sich „Homesharer“, vermieten ihre Privatwohnung ab und zu. Jetzt haben sie Angst – vor dem Bezirksamt.

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Viele Wohnungen dürfen in Berlin nicht über den Anbieter "Airbnb" vermietet werden.
Viele Wohnungen dürfen in Berlin nicht über den Anbieter "Airbnb" vermietet werden.Foto: AFP

Sie gründeten ein Unternehmen für Videoproduktion und brauchten Geld. Philipp und Xia vermieteten ihre große Berliner Eigentumswohnung an Feriengäste, sie selber arbeiteten derweil im Ausland. Kamen sie zurück nach Berlin, zogen sie zeitweise in ein Hotel, um weiter vermieten zu können. Das lief gut, passte zu ihrem Lebensstil, doch seit einigen Jahren vermieten sie nur noch zwei Zimmer, rund 40 Prozent der Wohnfläche, das lässt das Zweckentfremdungsverbot gerade noch zu.

Philipp und Xia möchten ihre richtigen Namen nicht nennen, weil sie nicht wissen, ob sie für die Zimmervermietung eine Genehmigung brauchen. Sie haben Angst, von ihrem Bezirksamt abgemahnt zu werden. Es sollen schon Bußgelder von 50.000 Euro verhängt worden sein, erzählt Kathrin aus Spandau, die auch an Gäste vermietet. Die Unsicherheit ist groß.

Philipp, Xia und Kathrin sitzen mit zehn anderen „Homesharern“ – so nennen sie sich selbst – im Wahlkreisbüro der FDP-Abgeordneten Maren Jasper-Winter an der Torstraße in Mitte. Jasper-Winter hat zum „Meetup“ geladen, um mit den Betroffenen Handlungsmöglichkeiten auszuloten. Die FDP hält das Zweckentfremdungsverbot für ein bürokratisches Monster und möchte es am liebsten abschaffen oder wenigstens so entschärfen, dass Homesharing wieder möglich ist.

Ein Homesharer schlägt vor, einen Freibetrag von 10.000 Euro pro Jahr einzuführen

Dass man seine Berliner Wohnung nicht mal dann an Feriengäste vermieten darf, wenn man selber im Urlaub ist oder für einen Job zeitweise im Ausland, gilt als Kollateralschaden des Gesetzes. Der Macher des Verbots aus den Reihen von SPD und Grünen argumentieren, dass solche Ausnahmeregelungen nur zu vermehrtem Missbrauch führen würden.

Die FDP möchte erst mal Ideen sammeln, wie man gelegentliches Homesharing von der gewerbsmäßigen Vermietung von Ferienwohnungen abgrenzen kann. Ein Homesharer schlägt vor, einen Freibetrag von 10.000 Euro im Jahr einzuführen. Xia findet, die Stadt sollte „Airbnb-Wohnungen“ bauen lassen, die dann an Gäste vermietet werden dürfen. Hamburg und Amsterdam arbeiten mit Fristenregelungen. 90 oder 120 Tage im Jahr darf die eigene Wohnung vermietet werden. Die rot-rot-grüne Koalition will das Gesetz dagegen weiter verschärfen.

Im Endeffekt geht es doch ums Geld

Bislang erklärte der grüne Bürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel, dass nur in wenigen Fällen eine Nutzung als Ferienwohnung erlaubt werde, etwa wenn jemand Angehörige von Patienten beherbergt, die in Berliner Krankenhäusern behandelt werden.

Von 2015 bis 2017 wurden immerhin 423 Wohnungen auf Antrag vom Verbot ausgenommen. Das erklärte der Senat auf eine Kleine Anfrage von Jasper-Winter. In 1609 Fällen wurde die Vermietung als Ferienwohnung untersagt.

916 Anträge sind noch nicht entschieden. Winter vermutet, dass die Bezirke in der Praxis doch nicht so rigoros ablehnen wie offiziell verkündet wird. Wie oft gegen einen ablehnenden Bescheid Widerspruch eingelegt oder geklagt wurde, konnte der Senat nicht sagen.

Die Fans der Sharing-Economy – zumeist selbstständig, vielreisend, jung und ungebunden – empfinden das Zweckentfremdungsverbot als rückständig und dem weltweiten Ruf Berlins als offene, liberale Metropole abträglich.

Natürlich geht es auch ums Geld. Seine Ex-Freundin wohnte in einem Haus in Mitte, das vom Eigentümer nach und nach zum Feriendomizil umgenutzt wurde, erzählt Timo, mit nächtlichen Partys und ständigem Trubel, „letztlich unerträglich“. Seine Freundin zog aus, und Timo – der ebenfalls anders heißt – vermietete auch ihre Wohnung an Gäste. „Wenn die Eigentümer eh den Reibach machen, mach’ ich das lieber selber.“

Später zogen Flüchtlinge ein, das brachte dem Eigentümer noch mehr Geld. Paolo aus Italien hatte sich vor sechs Jahren eine große Wohnung in Berlin gekauft, doch zwei Wochen nach dem Einzug verließ ihn seine Freundin. Also vermietete er an Gäste, mal ein Zimmer, mal die ganze Wohnung. Als sein befristeter Job an der Uni auslief, finanzierte er sein Leben ausschließlich über Homesharing.

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