Pro Reli : Kirchen haben ihr Geschenk noch nicht ausgepackt

Bei den Weihnachtsgottesdienste warben die "Pro Reli"-Initiatoren kräftig für das Volksbegehren. Jetzt hoffen sie auf mehrere zehntausend Unterschriften.

Benjamin Lassiwe
Pro Reli
Ausgerechnet Bananen. Unterstützerinnen des Volksbegehrens für den Religionsunterricht. -Foto: Günter Peters

Die Weihnachtskarte mit dem Unterschriftenbogen lag im Liedblatt oder wurde von Ministranten an der Tür verteilt. Fast alle Kirchengemeinden haben die gut besuchten Weihnachtsgottesdienste genutzt, um Unterschriften für das Volksbegehren „Pro Reli“ zur Einführung eines Wahlpflichtfaches Religion an Berlins öffentlichen Schulen zu sammeln. Auch Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands, sammelte mit. Vor der Marienkirche am Alexanderplatz, wo sich schon um 16 Uhr eine bis zur Bushaltestelle an der Spandauer Straße reichende Warteschlange für die eine Stunde später beginnende Christvesper gebildet hatte, wünschte Huber den Kirchgängern „Frohe Weihnachten“ und warb um Unterstützung für das Volksbegehren.

Viele Menschen kamen gezielt auf den Bischof zu, um zu unterschreiben. „Mein Sohn geht auf eine kirchliche Schule, da weiß ich, wie guter Religionsunterricht aussieht“, sagte eine Besucherin. Bis zum 21. Januar muss „Pro Reli“ 170 000 gültige Unterschriften wahlberechtigter Berliner vorweisen, um einen Volksentscheid im Land herbeizuführen. Kurz vor Weihnachten hatte man erst 135 000 beisammen. Die Initiatoren setzen sich für die Wahlfreiheit zwischen dem bekenntnisfreien Unterrichtsfach Ethik, dass im Jahr 2006 verpflichtend für alle Schüler ab der 7. Klasse eingeführt wurde, und dem Religionsunterricht ein.

Vor allem die Gottesdienste am Heiligabend, zu denen hunderttausende Berliner und ihre Gäste kamen, waren für viele Kirchengemeinden die letzte Chance, eine nennenswerte Anzahl kirchenferner Menschen mit dem Anliegen des Volksbegehrens zu erreichen. Allein am Berliner Dom, in dem am 24. Dezember insgesamt sechs Gottesdienste stattfanden, wurden 10 000 Unterschriftenbögen an die Besucher verteilt. In der katholischen Sankt-Hedwigs-Kathedrale rief Erzbischof Georg Kardinal Sterzins ky zur Unterstützung des Volksbegehrens auf. In allen katholischen Gemeinden seien Unterschriften gesammelt worden, sagte Pressesprecher Stefan Förner. Ergebnisse gebe es aber noch nicht.

In der Kirchengemeinde am Humboldthain im Wedding erhielten die Besucher des Krippenspiels die Unterschriftenbögen gleich am Eingang. Manche füllten den Bogen noch in der Bankreihe aus und warfen ihn in die am Ausgang bereitgestellten Pappkartons. Auch in der Matthäuskirche in Steglitz riefen Pfarrerin Regine Becker und Vikarin Anja Siebert die Besucher schon vor Beginn der Christvespern um Unterstützung für das Volksbegehren auf. Und auch als sich um 23 Uhr hunderte Menschen an der Dorfkirche Marienfelde einfanden, um bei einem Becher Glühwein zur Musik des örtlichen Posaunenchores Weihnachtslieder zu singen, sammelten Gemeindeglieder Unterschriften für „Pro Reli“.

Die Verantwortlichen waren am zweiten Weihnachtsfeiertag zufrieden. „Wir hoffen darauf, einige zehntausend Unterschriften gesammelt zu haben“, sagte der Vorsitzende der Volksbegehren-Initiative „Pro Reli“, Christof Lehmann. „Genaue Zahlen haben wir noch nicht, aber unsere Bitte, am Heiligen Abend Unterschriften zu sammeln, ist in den Gemeinden gut angenommen worden.“ Ähnlich äußerte sich der Sprecher der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Volker Jastrzembski. Ihm sei bislang lediglich eine Zahl aus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bekannt: Dort hätten etwa 4000 Gottesdienstbesucher am Heiligen Abend 324 Unterschriften für „Pro Reli“ hinterlassen. „Aber viele Besucher haben den Unterschriftenbogen mit nach Hause genommen“, sagt Jasztrembski.

Das Volksbegehren „Pro Reli“ ist nur eines von mehreren aktuellen: Ab Ende Januar will eine „Initiative für Genuss Berlin“ 170 000 Unterschriften gegen das Rauchverbot in Gaststätten sammeln. Die Initiatoren des Volksbegehrens „Mehr Demokratie beim Wählen“ hoffen ebenfalls darauf, genug Unterstützung für einen Volksentscheid noch 2009 zu bekommen. Außerdem wird seit Jahren ein Volksbegehren zur historischen Bewahrung der Museumsinsel vorbereitet.

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