Pro Reli : Schrippen holen und die Stimme abgeben

In Steglitz drängelten sich die Wähler früh, in Tempelhof lief es langsam an. Eindrücke aus den Bezirken

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Schon vormittags zur Urne. Viele Wähler kamen bereits am Vormittag in die Stimmlokale, um danach den sonnigen Sonntag zu genießen....

8 Uhr, ein Wahllokal in der Gneisenaustraße, Kreuzberg. Die erste Wählerin hat es eilig. Die schicke Mittdreißigerin mit Rollkoffer ist schon eine Minute vor acht Uhr da. Ob ihr der Pro-Reli-Volksentscheid besonders wichtig sei? Nein, sagt sie draußen vor dem Abstimmungslokal, sie sei so früh dran, weil sie gleich weiter müsse, zum Flughafen, zu einer Konferenz nach Marokko. Aber sie sei Politikwissenschaftlerin, und darum generell politisch interessiert. „Ich gehe zu jeder Wahl!“

9.15 Uhr. Schon zur Frühstückszeit reihen sich die ersten Wähler in der Steglitzer Clemens-Brentano-Grundschule in Lichterfelde-West in eine Schlange ein. Junge Familien parken ihre Kinderwagen vor dem Haus, Rentnerpaare schreiten rüstig über den Pausenhof, der Volksentscheid mobilisiert hier den Kiez. Es herrscht ein Andrang, fast so stark wie bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Die Stimmung aber ist anders, weniger routiniert. Fremde scherzen miteinander, egal ob Pro Reli oder Pro Ethik gestimmt. Und eine Frau mit Baby auf dem Arm bringt das neue Selbstbewusstsein der Wählerschar auf den Punkt: „Toll, so ein Volksentscheid“, sagt sie unüberhörbar zu ihrer Freundin. „Schon zum zweiten Mal direkte Demokratie. Unsere Meinung ist gefragt!“ Etliche nicken zustimmend. Dann verschwinden sie flott in der Kabine. Sie sind früh gekommen, um danach den sonnigen Sonntag zu genießen.

10 Uhr, Bötzowviertel, Prenzlauer Berg. Ganz gemütlich geht es auch in diesem kinder- und schülerreichen Viertel in den Tag. Die Straßen sind am frühen Vormittag noch wie leergefegt, bis auf die gelben Zettelchen, die Pro Reli am Tag zuvor an alle Haustüren geklebt hat und jetzt Spiel des Frühlingswindes sind. Wer aber unterwegs ist, der hat zwei Dinge vor: Schrippen holen und Stimme abgeben. Passend zur Abstimmungsfrage befindet sich das Wahllokal 913 in einer Schule. Die Klassenraumatmosphäre erinnert daran, worum es geht. Bis 10 Uhr waren es allerdings noch nicht viele Wähler: Gerade mal 20 machten ihr Kreuzchen. „Aber die Leute kommen schon noch“, sagt eine Frau vom Wahlvorstand optimistisch.

10 Uhr, Boelckestraße, Tempelhof. Die Wahlhelfer im Wahllokal in der Seniorenfreizeitstätte „Mireille Mathieu“ sind klar in der Mehrheit. Vielleicht drei Dutzend Wähler waren bereits da, im Vergleich zum Volksentscheid über die Zukunft des Flughafens Tempelhof ist der Andrang sehr überschaubar. Was allerdings kein Wunder ist: Zu diesem Wahllokal gehen viele aus der sogenannten „Fliegersiedlung“, die vom Flugfeld Tempelhof nur durch den Tempelhofer Damm getrennt ist. Bei der vergangenen Abstimmung über den Flughafen war jeder aus eigener Betroffenheit heraus gefordert, seine Stimme abzugeben.

10.30 Uhr, Judith-Auer-Straße, Lichtenberg. Wahlplakate fand man während des gesamten Wahlkampfes hier nur nach langem Suchen. Das Wahllokal in einem Seniorenwohnheim ist dennoch gut besucht. Eine Wahlhelferin antwortet auf die Frage, wie die Stimmung sei, trocken: „Schlecht.“ Für viele Wähler sei der Gesetzesentwurf zu ungenau, die Fragestellung irreführend. Sie schätzt, dass der Großteil im Bezirk mit Nein stimmen wird. „Religion ist Privatangelegenheit“, sagt ein älterer Herr. Er hält es aber dennoch für wichtig, dass ein Grundwissen über Religionen in der Schule vermittelt werde.

12:20 Uhr, Fichtestraße, Hermsdorf. In diesem bürgerlichen Viertel in Reinickendorf treibt die Frage nach dem Religionsunterricht die Menschen schon eher zu den Urnen. Den ganzen Vormittag herrscht reger Betrieb im Wahllokal. Die Wahlhelfer sprechen von einer Beteiligung von bis zu 40 Prozent. Das ist mehr als bei einer normalen Wahl, aber weniger als bei der Abstimmung um die Zukunft des Flughafens Tempelhof. tsp

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