Pro & Contra : Arbeiten im Schlaf

Macht "Power Napping" die Beamten leistungsfähiger? Was die Verwaltung diskutiert, finden Forscher gut.

Johannes Boie

Für die einen ist es ein schlechter Scherz, für andere eine kluge Idee. Auf jeden Fall ist es ein Aufreger, die Ankündigung des SPD-Politikers Holger Wuttig, 31, den 2400 Charlottenburg-Wilmersdorfer Verwaltungsbeamten und -angestellten einen 20 Minuten langen Mittagsschlaf zugestehen zu wollen. Die überarbeiteten Mitarbeiter bedürften einer Ruhepause, um sich zu erholen. Danach sei am Nachmittag produktiveres Arbeiten möglich.

„Beim kurzen Schlaf ordnet und speichert der Kopf Nachrichten. Er filtert Unwichtiges aus und konzentriert sich auf relevante Botschaften“, erklärt der Schlafforscher Ingo Fietze von der Charité. „Außerdem vertreibt der kurze Schlaf müde machende Hormone und aktiviert wach machende Botenstoffe.“ Mehrere Forschungsergebnisse bestätigten diese Annahme. In Amerika und Asien ist der betrieblich genehmigte Mittagslicht längst als „Power Napping“ bekannt. Dort stellten mehrere Firmen ihren Mitarbeitern Ruheräume zur Verfügung, sagt Wuttig, der sich bei einer USA-Reise selbst ein Bild vor Ort gemacht haben will.

Auch in Berliner Betrieben ist ein erlaubtes Nickerchen am Mittag nicht unbekannt. Im KaDeWe haben rund 2000 Mitarbeiter die Möglichkeit, sich in einem 50 Quadratmeter großen Ruheraum zu entspannen. „Bei uns gibt es Ruheräume bereits seit der Firmengründung im Jahr 1907“, erklärt eine Sprecherin des Kaufhauses. Der aktuell genutzte Raum sei 1970 geschaffen worden. „Er wird extrem stark frequentiert, und wir sind uns sicher, dass diese Entspannungsmöglichkeit die Produktivität unserer Mitarbeiter verstärkt“, heißt es in der Presseabteilung. Anders als in Wuttigs Vorschlag vorgesehen, sind die Mitarbeiter des KaDeWe aber dazu angehalten, den Ruheraum ausschließlich in der Pausenzeit zu nutzen. In der Verwaltung im niedersächsischen Vechta wurde das „Power Napping“ vor sechs Jahren erfolgreich eingeführt. Das Projekt habe den Arbeitseinsatz der Mitarbeiter deutlich erhöht, sagt Herbert Fischer vom Presseamt Vechta.

Der grüne Partner der rot-grünen Zählgemeinschaft in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf ist eher skeptisch. Der Grünen- Politiker Stefan Wagner, 29, sagt, er könne sich die Möglichkeit eines Mittagsschlafes – „wenn überhaupt“ – nur für einzelne, besonders belastete Mitarbeiter vorstellen. Dringend könne die Umsetzung des Vorschlages allerdings nicht sein: „Solange der Personalrat der Verwaltung keinen Bedarf anmeldet, sehe ich eigentlich auch keinen.“

Ungeachtet der Kritik brachte Holger Wuttig seinen Vorschlag am Donnerstag in die Bezirksverordnetenversammlung ein. Er will aus dem Verwaltungstrakt bereits erste positive Rückmeldungen auf seinen Vorschlag bekommen haben. Das starke Presseecho interpretiert er als Relevanzindikator für den verdienten Mittagsschlaf: „Das Thema ist wichtig.“ Mit einer Entscheidung ist frühestens nach der Sommerpause zu rechnen. Zunächst wurde der Antrag an den zuständigen Fachausschuss für Bürgerdienste, Ausbildungsförderung und Personal überwiesen. Wuttig ist sich sicher: „Im September wird die Debatte weitergehen.“Johannes Boie

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