Pro & Contra : Bewaffnete Busfahrer in Berlin

Sollen sich Berlins Busfahrer zum Schutz bewaffnen dürfen? Verschiedene Ansichten zweier Tagesspiegel-Redakteure.

Werner van Bebber

PRO



Einmal angenommen, der Boxer Graciano Rocchigiani wäre aus materiellen Gründen gezwungen, von Boxtrainer auf Busfahrer umzusteigen, und angenommen, die BVG gäbe ihm einen Job: Würde sich dieser Mann von pöbelnden Wüterichen oder Trunkenbolden vom Steuer weg verprügeln lassen? Er würde sich natürlich wehren, und das ist gut so.

Er würde sich nicht schlagen oder verprügeln lassen müssen, weil er gelernt hat, wie man sich wehrt. Im Boxring gelten zwar andere Regeln als im alltäglichen Leben, doch im alltäglichen Busfahrerleben gibt es anscheinend einen Brutalisierungstrend. Nicht jeder Busfahrer wird Lust dazu haben, sich als Freizeitsportler so zu ertüchtigen, dass er sich zumindest von normalgroßen Wüterichen und krawallsuchenden Trunkenbolden nichts gefallen lassen muss. Wer das nicht will, sollte von der BVG eine Dose Pfefferspray und eine Unterweisung zum Umgang damit spendiert bekommen.

Was jeder Joggerin in den Parks recht ist, das ist Busfahrern billig und sollte der BVG nicht zu teuer sein. Allein die Wahrscheinlichkeit, dass ein attackierter Busfahrer sich wehrt, dürfte mögliche Angreifer abschrecken. Und wenn nicht: Wer pöbelt und dann, blind vom Pfefferspray, auf die Polizei warten und sich über Regelverletzungen rechtswirksam belehren lassen muss, der gibt wenigstens zeitweise Ruhe. Werner van Bebber

CONTRA

Bewaffnung für Busfahrer? Das ist eine Schnapsidee, und zwar eine ebenso nutzlose wie gefährliche. Denn bislang haben die Täter ihren Angriff nie angekündigt, im Gegenteil: Der Mann am Steuer bekommt völlig unvermittelt einen Schlag ins Gesicht oder die Flasche auf den Kopf. Und nun? Bis das überraschte Opfer seinen Schlagstock oder das Pfefferspray unter dem Sitz hervorgenestelt hat, dürfte der Täter ein zweites Mal zugeschlagen haben.

Was sagt die Polizei? Die rät generell davon ab, sich zu bewaffnen. „Der Einsatz von Waffen könnte den Täter zusätzlich provozieren und ihn noch aggressiver machen“, sagen die Experten in Uniform. Oft schon haben die körperlich meist überlegenen Täter ihren Opfern die Waffe einfach entrissen und noch gegen sie eingesetzt. Bevor ein Busfahrer einmal eine Spraydose zur Abwehr tatsächlich eingesetzt hat, dürfte er das Gas schon zehnmal selbst im Gesicht haben, vor allem weil er hinter dem Steuer eingeklemmt nicht frei agieren kann.

Und noch was: Wer nur noch an Schlagstock und Pfefferspray denkt, vergisst möglicherweise, den Notknopf zu drücken. Denn der hilft tatsächlich: Die Leitstelle und damit die Polizei werden informiert, Ton und Videobild dorthin direkt übertragen. Den Standort des Busses sendet die Satellitennavigation auf fünf Meter genau in die Zentrale, die Polizei ist schnell da. Die BVG verbietet ihren Angestellten also völlig zu Recht, Waffen zu tragen. Jörn Hasselmann

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