PRO & Contra : Darf Hitler ins Wachsfigurenkabinett?

Markus Hesselmann

Pro:

Das moderne Deutschland hat verstanden, dass die Geschichte wichtig ist – das ist ein Grund, warum die Geschichte nicht mehr alles überlagert. Dieser kluge Satz stammt von einem Briten, Bürger eines Landes, das seit der Nazizeit besonders kritisch auf Deutschland schaut. Steve Crawshaw, früherer Berlin-Korrespondent des „Independent“, will damit sagen, dass das wiedervereinigte Deutschland zu sich gefunden hat: Es leugnet oder verdrängt die Nazi- zeit nicht mehr, es ist aber auch nicht mehr grüblerisch und voller Selbstzweifel davon besessen. Mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende sei eine Balance gefunden. Vor diesem Hintergrund wirkt der Aufschrei wegen einer Wachsfigur wie ein kleiner Rückfall in die Zeit von Verdrängung auf der einen und ritueller Selbstzerfleischung auf der anderen Seite.

Hitler ist eine Figur der deutschen Geschichte, also gehört er in jede Ausstellung, die einen Überblick über deutsche Kultur, Politik und Geschichte bietet – auch in der populären Form eines Wachsfigurenkabinetts. Rührend die Einlassung des Berlin-Vermarkters Nerger: Der Wachs-Hitler sei wohl keine Gefahr für den Tourismus. Nerger weiß genau, dass gerade dieser Teil der Geschichte Touristen anzieht. Und Berlin leugnet dies ja auch nicht, sondern geht damit verantwortungsvoll um. Hitler aus Wachs, zum Untergang verurteilt im Bunker, ist dazu ein weiterer Beitrag. Markus Hesselmann


Contra:

Bei „Madame Tussauds“ sollen Wachsfiguren ausgestellt werden: Klaus Wowereit, Oliver Kahn, Adolf Hitler, Boris Becker, Willy Brandt. Welcher Name passt nicht in die Reihe? Genau. Niemand will den Diktator und seine Taten ausblenden, das wäre ja noch schöner. Aber hier geht es darum, Adolf Hitler aus Wachs zu modellieren, ein paar Haare unter die Nase zu kleben und an einen Ort zu stellen, an den er nicht gehört. Siegesallee, Führerbunker, Holocaust-Mahnmal – alles um die Ecke. Ein Schauplatz, der geschmackloser und verletzender nicht ausgewählt sein könnte.

Es ist und bleibt eine dämliche Idee. Mag sein, dass die Künstler ihn traurig aussehen lassen wollen und als einen gebrochenen Mann darstellen. Nur: Was, bitte, soll das bringen? Zeigen, dass der Diktator auch menschliche Züge hatte? An den Anblick dieses traurigen Adolfs kann sich niemand ernsthaft gewöhnen. Es ist ja auch kein Schenkelklopfer, wenn wieder mal ein Typ in der S-Bahn den rechten Arm hebt und danach klarstellt: Hey, war doch nur ein Scherz!

Die Kommerz-Puppen von „Madame Tussauds“ sollen ruhig Unter den Linden ausgestellt werden. Adolf Hitler und seine Entourage aber sollten bleiben, wo sie hingehören: in Geschichtsbüchern oder in Ausstellungen, mit deren Inhalt sich Wissenschaftler auseinandergesetzt haben. Denn Verbrecher taugen nicht zur Volksbelustigung. André Görke

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