Pro & Contra : Haben Sie noch Verständnis für den Streik?

Der Streik betrifft alle: Die, die einfach aufs Auto umsteigen können, stehen im Stau - und die, die heute Verständnis haben, bezahlen morgen die höheren Ticketpreise.

Sigrid Kneist

PRO

So nervig es ist, aber eines ist völlig klar: Verdi hat jedes Recht, diesen Arbeitskampf zu führen, auch wenn die Bevölkerung durch einen kompletten Ausstand des öffentlichen Nahverkehrs schon ziemlich belastet wird. Das Streikrecht ist nun einmal grundgesetzlich verbrieft. Und man kann wirklich nicht behaupten, dass Verdi und andere Gewerkschaften dieses bisher über Gebühr strapaziert haben. Wann gab es denn in Berlin den letzten großen Streik im öffentlichen Dienst? Da muss man ganz schön in die Vergangenheit gehen, das war nämlich 1992. Im Chaos ist die Stadt damals auch nicht versunken. Natürlich ist jetzt der BVG-Konflikt unschön eskaliert. Aber dazu gehören immer auch zwei Tarifpartner, dass es soweit kommt.

Man kann nun nicht gerade sagen, dass der Senat sich in dieser Beziehung in den vergangenen Monaten mit Ruhm bekleckert hat. Der Konflikt war lange abzusehen – es wurde nichts getan, ihn zu entschärfen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Finanzsenator Thilo Sarrazin haben einfach stur auf ihren Positionen beharrt, ohne auch nur einmal genau hinzusehen, warum es bei vielen Beschäftigten so gärt. Dies nicht nur bei der BVG, sondern im gesamten öffentlichen Dienst. Die Verkehrsbetriebe sind nur der Anfang - dafür allerdings ein krachender. Das Druckmittel der Gewerkschaft ist der Streik. Es wird Zeit, dass der Senat endlich eine passende Reaktion darauf findet. Von Sigrid Kneist

CONTRA

Ja, wenn der Streik bei der BVG denn einer nachvollziehbaren Argumentation folgte … Aber was Verdi da veran- staltet, ist ein Machtspielchen, das viel weniger auf Außen- als auf Binnenwirkung zielt. Die Funktionäre markieren vor ihren Mitgliedern den dicken Max – auch, damit die nicht zu der sich noch mehr aufpumpenden GDL überlaufen – und Millionen von Berlinern können sehen, wo sie bleiben. Man betrachte den angeblichen Grund dafür, dass Verdi lieber die BVG-Kunden als Geiseln nimmt statt einfach zu verhandeln: Es liege seitens der Arbeitgeber kein schriftliches Angebot vor, auch über eine tatsächliche Tariferhöhung für die Altbeschäftigten zu reden. Zwar haben die Arbeitgeber mehrfach und klar gesagt, dass sie zu einer solchen Gehaltsverbesserung bereit wären – aber Verdi verlangt die Schriftform. Was umso hanebüchener daherkommt, als die letzte Tarifeinigung 2005 handschriftlich auf einem Schmierzettel fixiert wurde und Verdi also offenkundig auch ohne Umlaufmappen verhandlungsfähig ist. Aber vor einer Einigung muss man sich balgen, das ist im Tarifstreit nicht anders als im Paviangehege, und der Herr Sarrazin wird schon sehen, wer den rötesten Hintern hat. Nein, dafür kann niemand Verständnis haben, dessen Belastung und Belästigung von Verdi als bloßer Kollateralschaden abgetan wird. Und dazu, dass Leute, die eine Beschäftigungsgarantie bis 2020 genießen, auch guten Grund zu einer gewissen Zurückhaltung hätten, haben wir da noch gar nichts gesagt. Holger Wild

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