Pro & Contra : Hübsch hässlich

Was tun gegen verunglückte Architektur? Berlin diskutiert über Gestaltungssatzung oder ein Baukollegium.

Matthias Oloew
Alexanderplatz
Hohe Ansprüche. Erwartungen - wie hier am Alex - werden in Berlin oft nicht erfüllt. -Foto: ddp

Ihm gefällt auch nicht alles, was er genehmigt. Aber Ephraim Gothe, SPD-Baustadtrat von Mitte, spricht sich trotzdem gegen exakte Gestaltungsregeln für Neubauten in der Innenstadt aus. „So etwas wirkt wie ein Geschmacksdiktat“, sagt er, „das kann im Ernst niemand wollen.“

Die Diskussion der letzten Wochen deutet eher auf das Gegenteil hin. Angestoßen hat sie der Regierende Bürgermeister, als er bei einer Stadtrundfahrt feststellte, dass ihm der neue Alexanderplatz nicht gefällt. Klaus Wowereit bemängelte fensterlose Häuser, massive Einkaufszentren und großflächige Werbung – wie so etwas verhindert werden könnte, sagte der Regierende nicht.

Tatsächlich tut sich das Baurecht schwer, exakte Vorgaben zu formulieren. Grundsätzlich hat jeder Grundstückseigentümer das Recht, zu bauen. Die Behörden können formale Vorgaben definieren, wie Höhe, Nutzung und Größe (gemessen in der Fläche des geplanten Hauses). In diesem Bebauungsplanverfahren könnten die Ämter festlegen, wie jedes einzelne Haus auszusehen hat, müssten das aber in jedem Einzelfall begründen – ein Aufwand, den die Behörden scheuen.

Nur in Ausnahmefällen sollen solche Vorschriften greifen. In der historischen Mitte, zwischen Museumsinsel und Gendarmenmarkt zum Beispiel, soll künftig eine Gestaltungssatzung exakt festlegen, wie Neubauten auszusehen haben, wie groß Werbeflächen sein dürfen und wo Satellitenschüsseln anzuschrauben sind. Eine ähnliche Satzung gibt es Unter den Linden, am Pariser Platz gibt’s einen detaillierten Bebauungsplan. Diese Mechanismen flächendeckend einzuführen, etwa für die gesamte Innenstadt, hält Ephraim Gothe für falsch: „Eine Gestaltungssatzung macht nur dort Sinn, wo denkmalgeschützte Gebäude berücksichtigt werden müssen.“

Damit befindet er sich ganz auf der Linie von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Gothe, früher so etwas wie die rechte Hand von Lüschers Vorgänger Hans Stimmann, zieht mit seiner ehemaligen Verwaltung an einem Strang, wenn er zur Sicherung architektonischer Qualität mehr Wettbewerbe fordert. „Investoren deutlich zu machen, dass wir bei stadtbildprägenden Neubauten unter mehreren Konzepten auswählen möchten und dass es am Schluss auch ein Gewinn für ihr Projekt ist, bedeutet die Herausforderung.“ Architektenwettbewerbe sind bei Investoren unbeliebt, weil sie die Zeit bis zum Baubeginn verlängern. „Alles Quatsch“, sagt Gothe. Sei der Konsens am Ende eines Wettbewerbs da, gehe danach bei der Genehmigung alles viel schneller.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hofft, hässliche Neubauten durch ein Beratergremium verhindern zu können. Ab Oktober will sie zusammen mit einem Baukollegium aus namhaften Architekten und Stadtplanern große Projekte wie in einer Jury besprechen. Vorbild dafür sind entsprechende Gremien in Städten wie Tübingen, Lübeck oder Regensburg. Anders als dort wird das Votum des Berliner Baukollegiums aber vor allem empfehlenden Charakter haben.

In Regensburg zum Beispiel gilt dessen Entscheidung als Grundlage für die spätere Baugenehmigung – entweder es wird so gebaut oder gar nicht. Voraussetzung für diese Entscheidungsmacht ist ein politischer Konsens. Der ist mit der Berufung des Baukollegiums in Berlin nicht in Sicht. Und damit wird wohl weiter gestritten über hübsch oder hässlich.

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