Pro & Contra : Luftfahrtschau sucht Landeplatz

Am 31. Mai entscheidet sich, ob die Internationale Luftfahrtausstellung in Schönefeld bleiben wird. Nicht jeder will die Ausstellung für die Region erhalten. Braucht Berlin die ILA? Diskutieren Sie mit.

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Attraktion oder Ärgernis? Die ILA hat nicht nur Freunde, Gegner kritisieren vor allem den Lärm.
Attraktion oder Ärgernis? Die ILA hat nicht nur Freunde, Gegner kritisieren vor allem den Lärm.Foto: dpa

Bleibt sie oder entschwebt sie? Wo die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) von 2012 an stattfinden wird, entscheidet sich am 31. Mai zwischen den Flughäfen Schönefeld und Leipzig. Berlin und Brandenburg waren mit ihrer Bewerbung erst in letzter Minute zum Start gerollt, denn um die große Schau der Lüfte halten zu können, muss erst einmal viel Geld ausgegeben werden. Rund 27 Millionen Euro sind für einen neuen Standort veranschlagt. Deshalb haben sich die beiden armen Länder schwer getan, die ILA für die Region zu retten.

Das bisherige Gelände im Süden des Flughafens Schönefeld, wo die ILA jetzt letztmals vom 8. bis zum 13. Juni stattfindet und mehr als 200 000 Besucher erwartet werden, muss für den weiteren Ausbau der Anlage zum künftigen Flughafen Berlin-Brandenburg aufgegeben werden. Bereits für dieses Jahr mussten wegen der fortgeschrittenen Arbeiten für Umbauten am alten Standort etwa acht Millionen Euro investiert werden.

Die Befürworter der Schau verweisen darauf, dass die Messe die Chancen der rund 130 Unternehmen der Branche in Berlin und Brandenburg auf Geschäftsabschlüsse verbessere. Fachbesucher vor allem aus dem Ausland besuchten auch Unternehmen in der Region und bahnten so Geschäfte an, sagt die Sprecherin der Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz (BBAA), Kathrin Reisinger. Dieser „Haustüreffekt“ sei ein enormer Vorteil der ILA in Schönefeld. Die Branche beschäftigt in der Region rund 16000 Mitarbeiter. Die Fachbesucher, die meist in Berlin übernachten und einkaufen, lassen zudem nach Berechnungen des Instituts für Wirtschaftsforschung zwischen 160 Millionen Euro und 190 Millionen Euro in den Kassen der Hotels, Geschäfte und Restaurants. Zudem schaffe die ILA selbst etwa 1600 Arbeitsplätze.

Gegner der Luftfahrtschau stören sich dagegen vor allem am militärischen Bereich, der nach Angaben von Messe-Direktor Stefan Grave bei etwa 35 Prozent liegt. Anwohner leiden unter dem Krach bei den Flugvorführungen, der auch in großer Entfernung ohrenbetäubend sein kann. Und ferner gibt es, wie bei den Grünen-Abgeordneten Jochen Esser und Volker Ratzmann, die Furcht, dass die ILA ein ewiges Zuschussgeschäft bleibt, erst recht nach den Investitionen für einen neuen Standort. Bezeichnend sei, dass sich kein privater Geldgeber gefunden habe, sagte Esser. Ratzmann ist dafür, das für die ILA vorgesehene Geld in die allgemeine Wirtschaftsförderung zu stecken.

Das neue ILA-Gelände bei Selchow im Westen des Flughafens soll aber auch für andere Messen genutzt werden und das Angebot der Messe Berlin unter dem Funkturm ergänzen. Dort müsse man derzeit auf einige Veranstaltungen verzichten, weil sich Termine überschnitten oder die Anlagen für bestimmte Messen nicht geeignet seien, sagt Grave.

Für den neuen Standort würden die Messe Berlin und die Zukunftsagentur Brandenburg je fünf Millionen Euro aufbringen und ein gemeinsames Unternehmen gründen. Dieses soll dann die fehlenden 17 Millionen Euro über einen Kredit finanzieren.

PRO

Mit Begeisterung wurde die ILA 1992 nach Berlin zurückgeholt, an ihren „historischen Platz in der Hauptstadt“, wie die Zeitungen schrieben. Denn schon 1912 gab es die erste Luftfahrtausstellung an der Spree. Nach der Wende war man in Berlin stolz darauf, wieder die wichtigste Fachmesse der Luft- und Raumfahrtindustrie neben dem Pariser Aerosalon und der Air-Show in Farnborough zu veranstalten. Es gab Besucherrekorde, 250 000 Schaulustige und Fachbesucher kamen zuletzt. Und Aussteller aus 42 Ländern. Eine Erfolgsgeschichte.

Und nun eine Absage? Es ist ja schon peinlich, dass Berlin und Brandenburg bei der Bewerbung viel zu langsam in die Gänge kamen. Aber wie wird man in anderen Städten, die eine solche Messe gerne hätten, den Berlinern den Vogel zeigen, wenn wir die ILA kampflos aufgeben. Das wäre Kamikaze-Sparen. Die nötigen Investitionen sind zwar hoch. Doch der Einsatz wird sich rentieren – durch mehr Arbeitsplätze, die auf der Messe und in der regionalen Luftfahrtbranche geschaffen werden, durch eine besser ausgelastete Hotellerie etc.. Auch die Attraktion vor der eigenen Haustür ist das Geld wert. Das werden tausende luftfahrtbegeisterte Berliner so sehen, die sich alle zwei Jahre auf die ILA freuen. Christoph Stollowsky

CONTRA

Wie klingt eigentlich ein Luftkrieg? Wer eine Ahnung bekommen will, sollte an den ILA-Tagen einen Ausflug Richtung Südosten unternehmen. Da sitzt man arglos zwischen Köpenick und Königs Wusterhausen – und erschrickt fast zu Tode, wenn eine Jagdbomberrotte über über einen wegdonnert, dass die Ohren fiepen. Mag mancher Ballerspielfreund das voll geil finden, aber für viele – es sind etwa 200 000, die rund um Schönefeld wohnen – ist es schwer erträglich. Aber darf man überhaupt nörgeln, wenn Wachstumsbeschleunigung in Gestalt einer Messe ansteht? Schließlich haben die Besucher ja einmalig die Gelegenheit, mit dem Finger den neuesten Airbus und den tollsten Eurofighter abzuklopfen, um die nötige halbe Milliarde hinzublättern. Das hilft dem Standort Berlin so sehr, dass das Land ein paar Steuermillionen für die Messe draufpacken muss. Im Ernst: Die ILA ist in dieser Form ein dreifaches Ärgernis. Waffenschau plus Werbung für die klimaschädlichste Art des Reisens und Konsumierens plus Nervenkitzel, auf den viele seit Ramstein (70 Tote und 1000 Verletzte) gern verzichten würden. Keine Frage, dass Berlin und Umland von der Luftfahrtindustrie profitieren. Aber diese Messe ist das Letzte. Stefan Jacobs

Was meinen Sie? Braucht Berlin die Internationale Luftfahrtausstellung?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 23 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1. Sind Sie dagegen, wählen Sie 0137-203333-2 (14 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

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