Berlin : Pro und Contra: Nummern statt Namen ?

Pro

Kein Problem in Paris, kein Thema in Wien - die Menschen beider Städte leben seit mehr als hundert Jahren in Bezirken, denen man einst eine Kennziffer verpasste - und damit basta. Kein Wehklagen, kein Aufruhr, obwohl man den Parisern und Wienern gewiss nicht nachsagen kann, sie seien phantasielose, pedantische Leute, denen eine geordnete Verwaltung heiliger ist als Tradition und Kultur ihres Wohnviertels. Genau dies aber wird nun all jenen in Berlin vorgeworfen, die ihren Bezirken gleichfalls eine Nummer geben und so den leidigen Namensstreit aus der Welt schaffen wollen.

Die Zahl gilt als bürokratisches Teufelszeug. Der 3. oder 5. Bezirk - unvorstellbar. Wer könnte sich damit identifizieren? Hilfe, der preußische Obrigkeitsstaat steht wieder auf und will die Berliner Seele, die ja bekanntlich in den Bezirken lebt, verschlingen. Diesen Eindruck erwecken die Nummern-Gegner. Doch in der Praxis wird sich das als Theaterdonner erweisen.

Tatsächlich ist kein vertrauter Bezirksname durch die Ziffern bedroht. Im Gegenteil. Sind alle neugebildeten Großbezirke erst einmal durchnummeriert, brauchen wir uns nicht mehr um affige Kompromisse wie Charlottendorf-Wilmersburg zu streiten oder um Namensungetüme wie "3. Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee von Berlin". Und es wird auch kein Traditionsort untergebuttert wie Prenzlauer Berg, das im Fusionsgebilde "Pankow" verschwand.

Jeder kann danach selbst entscheiden, ob er sich im 3. Bezirk oder wie gehabt in Prenzlauer Berg verabredet und was er auf seinen Briefkopf schreibt. Für die Verwaltungen aber wird dies auf lange Sicht die eleganteste und billigste Lösung sein. Zahlen passen am besten in ihr Getriebe. Und die Bezirksverordneten müssen nicht mehr auf Namenssuche zu gehen - sie können sich wieder wichtigeren Themen widmen.
Christoph Stollowsky

Contra

Berlin als Nummernrevue? Eine Schnaps-Idee, man kann es nicht anders sagen. Als hätten wir keine anderen Probleme. Doch betrachten wir es nüchtern, und zwar zunächst auf nationaler Ebene. Berlin ist ja nun mal Hauptstadt, also, wenn man so will, die erste unter den deutschen Städten. Warum nicht gleich auf den umständlichen Namen - sechs Buchstaben! - verzichten und durch eine einzige Ziffer ersetzen: 1. München, die heimliche Hauptstadt, würde dann Nr. 2, der Rest ist Verhandlungssache im Deutschen Städtetag. Die Bundesländer, deren Neustrukturierung ohnehin ansteht, werden sicher gerne folgen, Europas Durchnummerierung folgt nach einer Schonfrist zur Gewöhnung. Dummes Zeug, meinen Sie, und haben Recht: Nur Technokraten können so herzlos sein. Für den Durchschnittsbürger aber gilt, dass er zu seinem Wohnort mit der Zeit auch emotionale Bindung entwickelt, ist dieser doch nicht nur eine Verwaltungseinheit, sondern auf allen Ebenen des Kommunalen identitätsstiftend, sei es die gesamtstädtische, die bezirkliche oder der Kiez. So viel ist schon geschrieben worden über die zunehmende Entwurzelung des modernen Menschen, und nun soll ohne Not ein Schlussstrich gezogen werden unter alle historischen Entwicklungen, die sich auch hinter Bezirksnamen verbergen. Gewiss, es mag vergleichbare Städte in Europa geben, die sich seit jeher mit Nummern begnügen. Dort ist eben dies Tradition, im Laufe der Jahrhunderte laden sich selbst karge Zahlen mit Bedeutung auf, gewinnen plötzlich lokalpatriotischen Wert oder dienen der sozialen Abgrenzung nach oben wie nach unten. Doch sogar New York, die Stadt der Städte mit ihren nummerierten Streets und Avenues, ist soweit nie gegangen. Harlem ist Harlem, und Brooklyn bleibt Brooklyn. Und wer in die New Yorker City zieht, wohnt eben in Manhattan und nicht im Borough No. 1.
Andreas Conrad

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