PRO & Contra : PRO & Contra

Annette Kögel

Irgendwann ist es mit der Geduld selbst des gutmütigsten Gutmenschen vorbei. Dann nämlich, wenn man an Ampelkreuzungen regelmäßig von einem ganzen Trupp von Fensterputzern beinahe angesprungen wird. Und das, obwohl die Scheibe ein paar Ampeln vorher bereits blitzeblank gescheuert wurde. Ja, sie nerven langsam wirklich, bei aller Liebe und allem Verständnis für ihre Not. Doch die romastämmigen Putzkolonnen an den Kreuzungen treten inzwischen einfach zu geballt und fordernd auf: Gleich sechs, acht Mann und Frau auf einmal rennen auf die haltenden Autos los. Die Masche mit dem sympathieheischenden Herz, das erst aufgemalt wird, um den Autofahrern doch ein paar Cent aus der Tasche zu entlocken, wenden sie dabei gar nicht mehr an. Da wird losgewischt ohne Rücksicht auf Verluste. Inzwischen bremsen viele schon zehn Meter vor der Kreuzung, um der Drangsalierung zu entgehen. Damit es am Ende nicht noch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, sollte jetzt die Notbremse gezogen werden. Ordnungskräfte müssen die belagerten Kreuzungen im Blick behalten – und Platzverweise verteilen. Das aggressive Vorgehen darf nicht länger toleriert werden. Jedem freundlichen Jongleur, Feuerspucker – oder auch Scheibenputzer gebe ich aber auch künftig gerne ein paar Cents – solange er mir nicht zu nahe auf die Pelle rückt. Annette Kögel

Der Berliner Verkehr hat viel Potenzial für Aufregung: Trotz Airbags und Fahrradhelmen stirbt auf den Straßen der Stadt fast jede Woche ein Mensch, Dutzende werden verletzt – von den alltäglichen Pöbeleien zwischen Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern ganz zu schweigen. Was aber erhitzt die Gemüter vieler Berliner derzeit besonders heftig? Junge Roma, die vor roten Ampeln die Scheiben haltender Autos putzen. Zugegeben: Sie wischen ungefragt und werden mitunter aggressiv, wenn man ihnen für den unerwünschten Dienst kein Geld zusteckt. Das ist ärgerlich. Und sicher ist es schwer zu ertragen, dass die Roma oft auch ihre Kinder für die Betteltouren einsetzen, anstatt sie in die Schule zu schicken. Aber stören die Roma wirklich die freie Fahrt für freie Bürger – oder stört nicht eher der Anblick des Elends am Straßenrand? Platzverweise mögen das schlechte Gewissen gegenüber dem Armutphänomen beruhigen, aber sie lösen nicht das Problem. Die Roma, die sich jedes Jahr wieder in Berlin als Scheibenputzer verdingen, würden kaum anreisen, wenn sie in ihrer Heimat nicht am Rande der Gesellschaft leben müssten. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise sollten die Berliner deshalb mehr Größe und Verständnis zeigen – und sich in Toleranz üben. Übrigens nicht nur gegenüber den Roma, sondern auch im Umgang mit anderen Verkehrsteilnehmern.Stephan Wiehler

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