PRO & Contra : PRO & Contra

Anne-Sophie Lang

G8-Schülern fehlt Wissen. Sie hinken in den Doppeljahrgängen in Mathe hinterher, sie sind weniger belesen. Wie sollte es auch anders sein? Den gleichen Inhalt in kürzerer Zeit lernen: Das klappte in Berlin vor G8 in leistungsstarken Schnellläuferklassen. Jetzt, wo es jeder Gymnasiast schaffen soll, leidet der Unterricht. Bildung fällt dem internationalen Wettbewerb um jüngere Hochschulabsolventen zum Opfer – aber es hat kaum noch jemand den Nerv, darüber zu diskutieren. „Wir können den Schulen keine erneute Kehrtwende zumuten“, heißt es, und: „Inzwischen macht doch die ganze Republik mit.“ Argumente, die völlig am Thema vorbeigehen. Sie blenden aus, dass weder Schüler noch Eltern diese Reform wollten.

Nirgendwo in Deutschland sind die Klagen verstummt, in denen es um Kinder und Jugendliche geht, die überfordert sind, dauernd Kopfschmerzen haben, deren volle Kalender keinen Raum für Hobbys lassen. Diese Schüler werden bald, gerade volljährig, vor der Entscheidung für ein Studienfach stehen. Ihnen wäre mehr Zeit zu wünschen. Zeit, um jung zu sein, um sich über die eigenen Ziele klar zu werden. Aber nicht auf Kosten ihrer Bildung. Immer schneller, immer jünger, immer mehr auf einmal: Das ist nicht der richtige Weg. Dass man ihn auch ein Stück weit zurückgehen und so Beschwerden der Betroffenen ernst nehmen kann, macht Nordrhein-Westfalen gerade vor. Anne-Sophie Lang

Die Entscheidung des Senats, die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre zu verkürzen, war seinerzeit genau richtig. Nicht nur im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Schulabgänger. 13 Jahre waren einfach zu lang, da gab es auch viele Phasen des Leerlaufs. Leider haben die Schulpolitiker es versäumt, diese Reform angemessen vorzubereiten. Sie wurde überstürzt eingeführt. Auf einmal saßen die Gymnasiasten beinahe ganztags in ihrer Schule, obwohl diese oft nicht für einen Ganztagsbetrieb ausgerüstet war. Auch viele Lehrer stellten sich nicht richtig auf die neue Situation ein; sie gaben Hausaufgaben im selben Umfang auf wie vorher. Die Folge: Die Schüler ächzten unter dem Druck und fühlten sich überfordert. Und die Lehrpläne waren schon gar nicht entrümpelt worden. Jetzt aber die Uhr zurückzudrehen und auch an den Gymnasien wieder die 13 Jahre bis zum Abitur einzuführen, wäre wahnsinnig. Abgesehen davon, dass man diese Zeit ja an den Sekundarschulen hat. Was die Schulen derzeit nicht brauchen, ist eine Reform der Reform, bevor diese überhaupt richtig gegriffen hat. Erst in knapp zwei Jahren werden die ersten Turbo-Abiturienten die Schule verlassen. Die Schulen brauchen Ruhe und verlässliche Parameter. Der Bildungssenator muss dafür sorgen, dass die Bedingungen stimmen. Was verbessert werden muss, werden ihm Eltern, Lehrer und Schüler schon sagen. Sigrid Kneist

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