PRO & Contra : PRO & Contra

Stefan Jacobs

Wenn Amerikaner einem Deutschen etwas Nettes sagen wollen, dann schwärmen sie gern von Metropolen wie „Heidelbörg“ oder „Augsbörg“. Was die Amis dort so tief beeindruckt, sind die Spuren vergangener Jahrhunderte, die sie im eigenen Land nicht finden. Jetzt ist Berlin dabei, solche Spuren freizulegen: Das Alte Rathaus sowie ganze Straßenzüge mit Zeugnissen eines großstädtischen, weltgewandten Bürgertums. Und mittendrin Kunstwerke, die die Nazis aus der Welt schaffen wollten. Was hier zutage kam, ist sensationell. Die Funde eröffnen einen ganz neuen Blick auf die Geschichte dieser Stadt, die bisher vor allem durch Zerstörtes und Verschwundenes geprägt war. Es wäre absurd, die jetzt gefundene Altstadt abzubaggern. Genauso absurd wäre es allerdings, sich geschichtsbewusst zu geben und auf historischem Grundriss die üblichen traufhöhengenormten und seelenlosen 08/15-Kisten zu errichten, die schon an anderen Stellen (siehe Friedrichstraße) Beklemmungen auslösen.

Wer auf dem Stadtplan des 18. Jahrhunderts mit öder Architektur die Zukunft plant, verhunzt die Stadt und verhöhnt die Geschichte. Deshalb müssen die Funde vom Roten Rathaus bewahrt und würdig präsentiert werden. Und sollte dabei der an derselben Stelle geplante U-Bahnhof im Weg sein: Er wäre tatsächlich leicht entbehrlich. Im Umkreis von 500 Metern halten bereits drei U-Bahnlinien sowie S-Bahn, Regionalzüge, Bus und Tram. Stefan Jacobs

Wenn man das Areal zwischen Fernsehturm und Spree in einen Geschichtspark verwandelt, es also symbolisch hinter Glas verbannt und wie eine Mumie ausstellt, würde man es ein zweites Mal begraben. Das Gegenteil einer lebendigen, aufregenden, brodelnden Innenstadt, wie sie anderswo selbstverständlich ist. In Berlin hat sich das urbane Leben in Kiezreservate zurückgezogen und tanzt jetzt um die Mitte. Archäologische Parks würden diesen Zustand noch zementieren. Doch die freigelegten Spuren der Vergangenheit taugen nicht als Argument, um vor dem Rathaus einfach alles so zu lassen, wie es ist. Berlin braucht ein schlagendes Herz anstatt der zugigen Ödnis, die man in Mitte am liebsten mit aufgestelltem Mantelkragen durchquert. Denn was derzeit zum Ideal verklärt wird, ist letztlich Ergebnis der Ideen- und Kraftlosigkeit des späten DDR-Städtebaus. Die ausgegrabenen Keller in neue Häuser zu integrieren, wäre die beste Art, sie zu erhalten: ganz einfach, indem man sie benutzt. Den Stadtplan dafür gibt es schon, er ist über Jahrhunderte gewachsen. Und warum sollte er eigentlich weniger zukunftstauglich sein als die jetzige leere Fläche? Ob die Bebauung öde wird oder aufregend, liegt an Planern und Bauherren. Und die geplante U-Bahn würde das neue Stadtviertel bestens erschließen helfen. Und die Reste des Alten Rathauses? Die ließen sich mit etwas Phantasie ohne Probleme in den neuen Bahnhof integrieren. Udo Badelt

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