PRO & Contra : PRO & Contra

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Das erste Mal über die historische Startbahn zu laufen, das fühlte sich an, als betrete man heiligen Boden. Das zweite Mal tat es schon nicht mehr in der Seele weh. Beim dritten Mal eröffnete sich eine völlig neue Welt, mitten im altbekannten Berlin. Auf dem früheren Airport geht man regelrecht auf Weltreise: Nahe dem Eingang Columbiadamm erinnern Bäume und Gras an afrikanische Savannen. In der Wildblumenwiese duftet es so schön mediterran, und zum Jahresende gleitet man als Langläufer durch die stille, glitzernde Winterwelt. Oder man fühlt sich wie am Meer: Da sieht man die Wolken von Ferne ziehen und muss sich bei Gegenwind auf Skates nach vorne kämpfen. Das ist das wahre Erbe des Airports: Tempelhof gibt den Berlinern authentische Natur zurück. Wen man hier im Park auch anspricht: Alle wollen, dass das Flugfeld genau so bleibt. Der Wildfang darf nicht von Landschaftsgärtnern gezähmt werden und so seine Einzigartigkeit verlieren. Dass der Rasen gemäht wird, nimmt dem Feld schon genug Charme. Nein, Berlin soll so agieren wie andere Metropolen auch, die Naturbrachen zunehmend als Freizeitwert für naturentwöhnte Städter schützen. Wenn etwas am alten Airport überarbeitet werden muss, dann höchstens der im Angebot spärliche und überdies überteuerte Biergarten. Und mehr Toilettenhäuschen würden helfen. Dann kann man sich wieder auf die Startbahn legen und neuen Schub fürs Leben mitnehmen. Annette Kögel

Geht Berlin zum Schuldnerberater und sagt: Bin völlig abgebrannt, aber mein schönes Grundstück in Tempelhof gebe ich nicht her. Da können meine Landeskinder so cool skaten, die Weite spüren und sich fühlen wie auf Borkum. Hallo? Geht’s denn noch? Berlin hat 60 Milliarden Euro Schulden. Die 350 Hektar des Tempelhofer Feldes könnten mithelfen, diesen Berg ein wenig abzutragen, aber nur, wenn sie entwickelt werden, also wenn sich interessante Unternehmen ansiedeln und Wohnflächen ausgewiesen werden. Die Brache Tempelhof ist ein Pfand auf die Zukunft. Der Wettbewerb der Ideen ist eröffnet und wäre sofort beendet, sollte der Status quo für alle Ewigkeit festgeschrieben sein. Sicher muss es hier einen Park geben – zum Sporttreiben, Erholen, Seelebaumeln und für das ökologische Gleichgewicht der Stadt. Aber dieser grünen Oase muss auch eine Wertschöpfung gegenüberstehen, aus der sich Steuereinnahmen ergeben. Bislang generiert der Park nur Kosten: für Grünpflege, Sicherheit und Müllentsorgung fallen pro Jahr 3,5 Millionen Euro an.

IBA und IGA, also Internationale Bauausstellung und Gartenausstellung, sind zwei große Chancen, die Hauptstadt Berlin zu einem Mekka der Stadtentwicklungsprofis zu machen. Wie könnte eine nachhaltige Stadt funktionieren? Darauf Antworten zu finden, ist ein wichtiges Anliegen, das uns Bewohnern unbedingt einige Hektar städtischer Freifläche wert sein sollte.Thomas Loy

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