PRO & Contra : PRO & Contra

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Schreien muss bitte niemand. Nicht die Bühnenbetreiber, die sich von all den Gesetzen und Paragrafen gegängelt fühlen und die Anwohner fragen, was vorher da war: Waldbühne oder Mietvertrag? Aufschreien müssen auch nicht die beleidigten Künstler, die durchs Programm hetzen und ihre Lieder bis 22 Uhr herunterträllern müssen. Gleich aufschreien muss auch nicht das Publikum, das genervt reagiert, wenn um 22 Uhr das Licht angeht und die Menschen so abrupt nach Hause geschickt werden, als wären sie gerade in einer Kinderdisko gewesen (mit dem Unterschied, dass der Eintritt nicht fünf, sondern oft mehr als 50 Euro gekostet hat).

Lauthals aufschreien müssen aber auch nicht gleich immer jene klagewütigen Anwohner, die so tun, als ob an 365 Tagen Scooter und Rammstein auf ihrem Balkon stehen und deshalb um 22.01 Uhr den direkten Kontakt zur Polizeidienststelle suchen. Auch das nervt.

Ein bisschen weniger Geschrei, ein bisschen mehr Ruhe kann in dieser Debatte um Krach nicht schaden. Es soll ja niemand so tun, als ob Scharen von Schülerpunkbands im Stimmbruch die Waldbühne mieten würden, wenn sie könnten. Große Popstars oder Klassikorchester aber aufs nächste Jahr zu verweisen, weil nur an 18 Sommerabenden Musik gemacht werden darf bis 22 Uhr, ist schlichtweg schade für Berlin. André Görke

Es kann auch ein Glück sein, dass der Berliner Sommer nicht allzu lang und das Wetter etwas unbeständiger ist als – sagen wir – in Freiburg. Einige Innenstadtlagen Berlins sind faktisch zu Dauer-Partyzonen geworden, dazu kommen Stadtteil- und Straßenfeste, Paraden und Privatfeiern in Hinterhöfen und auf Gehsteigen – und überall spielen Bands auf. Die kurzen Pausen im Eventkalender füllen die Klänge von Straßenmusikanten oder die wummernden Bässe aus den Lautsprechern, die mitunter sogar Radfahrer hinter sich herziehen. An Open-Air-Konzerten mangelt es nicht, trotzdem soll es immer noch ein bisschen mehr sein. Wir hauen auf die Pauke, bis dem letzten Hostelhopper durch den Tinnitus gedrungen ist, dass hier der Bär brummt. Das lockt das Publikum und füllt die Kassen von Hotels und Gastronomie. Natürlich sind Konzerte unter freiem Himmel wie die Fete de la Musique ein Gewinn für die Stadt – für die Berliner ebenso wie für ihre Gäste. Berlins Tourismuswerber, Clubbetreiber und Konzertveranstalter sollten aber bedenken, dass zur Willkommenskultur auch die ausgebreiteten Arme der Einheimischen gehören. Denen sind die Lautstärkeregler in einigen Gebieten schon heute etwas zu oft und zu hoch aufgedreht. Könnte sein, dass übernächtigte Berliner der Partygesellschaft sonst irgendwann genervt den Stecker ziehen. Stephan Wiehler

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