PRO & Contra : PRO & Contra

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Fragen wir zuerst den Kopf, was für langsames Fahren spricht. Also: Die teuflische Physik lässt den Bremsweg im Quadrat zum gefahrenen Tempo steigen. Wer statt Tempo 30 nur 20 fährt, steht folglich schon nach knapp der Hälfte der Strecke. Da jede Notbremsung mit einer Schrecksekunde beginnt, ergibt sich: Wo der Fahrer bei Tempo 20 schon steht, hat er bei 30 noch nicht mal angefangen zu bremsen. Das macht für das Kind vor der Motorhaube einen Riesenunterschied. Zumal selbst die verbleibenden sieben Meter von 20 km/h auf null in einer Wohnstraße schon arg lang sein können. Das Bezirksamt Mitte hat das schon vor Jahren erkannt und in der Spandauer Vorstadt Tempo 10 eingeführt. Das bewährt sich ebenso wie die Spielstraßen (Tempo 7) in Charlottenburg. Wer mit dem Zeitverlust argumentieren will: Auf einer 200 Meter langen Strecke büßt man mit Tempo 20 statt 30 genau zwölf Sekunden ein. Und rettet dafür vielleicht einen Menschen. Denn die geplante Entschleunigung betrifft nur Wohn- und Nebenstraßen.  Womit wir beim Bauchgefühl wären: Kein vernünftiger Mensch brettert schneller als 30 km/h durch Menschenmengen wie die am Checkpoint Charlie. Orte wie diese eignen sich selbst ohne Tempolimit nicht für die Freude am Fahren. Aber sie sind gefährlich und können sicherer werden. Dass Straßenverkehr gefährlich ist, ist kein Naturgesetz, sondern Folge des Status Quo. Stefan Jacobs

Du lieber Gott, jetzt also auch noch Tempo 20. In sogenannten Begegnungszonen, das klingt ja erst mal gut, birgt jedoch auch große Risiken. Aber blicken wir mit aller Ruhe im Neutralgang auf den Berliner Straßenverkehr. Autos machen in dieser Stadt nur knapp ein Drittel des gesamten Verkehrsaufkommens aus, und rund um die Uhr zugestaute enge Straßen wie in anderen europäischen Metropolen gibt es hier nicht. Vielerorts, wo Menschen wohnen und nachts ihre Ruhe haben wollen, gilt jetzt schon Tempo 30. Hinzu kommen Schrittgeschwindigkeit wie etwa am Landwehrkanal zwischen Kottbusser Damm und Admiralbrücke, da kann man beim gemütlichen Durchrollen gleich noch Sightseeingtouren machen, völlig okay. Tempo 10 im Tempelhofer Fliegerviertel ist trickreich, das hat Charme, damit die Berufsverkehrsgenervten nicht rasante Abkürzungen durchs Wohngebiet nehmen. Gut. Aber nun noch Tempo-20-Zonen? Muss man künftig einen Minicomputer mit ans Steuer nehmen, um sich all diese Limits merken zu können? Ganz ehrlich: Wenn auf der Bergmannstraße in Kreuzberg Tempo 20 gelten würde, würden die meisten 30 fahren, zehn Stundenkilometer mehr, da wird man noch nicht belangt. Die Fußgänger wägten sich in trügerischer Sicherheit, müssten aber doch mit Bleifüßen rechnen. Das kann gefährlich werden. Lassen wir die Tachonadel lieber dort, wo sie ist. Annette Kögel

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