PRO & Contra : PRO & Contra

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So sieht zurzeit die tägliche Wutprobe eines Berliner Autofahrers aus: Er fährt, steht im Stau vor einer Baustelle, sieht keinen Bauarbeiter, wird wütend (erste Stufe), hupt sinnlos (zweite Stufe) und fantasiert (dritte Stufe), wie er als Superman der Straße (ich: Superwoman) die mobile Menschheit von dem Diktat der Absperrgitter, Bauzäune und Pylonen auf menschenleeren Baustellen befreit.

Die Aggression steigt mit fortgeschrittener Tageszeit, sagen wir, ab 18 Uhr. Andere Menschen arbeiten auch länger als 18 Uhr, warum geht das nicht im Straßenbau? Das Argument der höheren Lohnkosten lässt sich gegenrechnen mit dem volkswirtschaftlichen Schaden durch Staus: mehr Unfälle, Menschen kommen zu spät zur Arbeit, Lieferungen verspäten sich, die Umweltbelastung steigt durch höhere Abgaswerte. Muss man nachts auf großen Baustellen wie der Avus den Naturschutz einhalten? Für wen – für nachtaktive Waldtiere? Autos fahren übrigens auch nachts, auch auf der Avus. Und gibt es in Berlin gar keine Flutlichtanlagen wie im restlichen Deutschland auf nächtlichen Baustellen?

Was den Lärmschutz betrifft: Tagsüber kriegen Anwohner auch den Lärm der Baustellen ab. Viele sagen: Lieber eine intensive 24-Stunden-Belastung über kurze Zeit als Baulärm, unberechenbare Autofahrer und Hupkonzerte über lange Zeit. Sabine Beikler

Wieso sollen Anwohner leiden, damit Autofahrer schneller vorankommen? Es sind doch maximal ein paar Tage, die eine Baustelle schneller fertig wäre. Und mehr als ein paar Minuten verliert doch niemand in einem Stau.

 Es fällt einem kein vernünftiges Argument für eine Rund-um-die-Uhr-Baustelle ein. Berlin ist nachts schon laut genug, da muss nicht noch der Avus-Beton zertrümmert werden. Dass der Steuerzahler diese Nachtarbeit durch teure Zuschläge auch noch bezahlen müsste, zeigt, wie dreist eine solche Forderung wäre. Dabei ist die Idee ja nicht neu, der ADAC wirft sie alle paar Jahre in den Ring, damit seine PS-Klientel sich freuen kann. Als Nächstes kommt dann – nur so zum Beispiel – die Müllabfuhr, die ihre ebenso großen wie klappernden Autos besser auslasten könnte, wenn die Glastonnen auch um Mitternacht geleert werden dürften. Oder der Paketbote klingelt schon um vier Uhr früh, weil dann die Logistik besser klappte.

Es ist schon symptomatisch, dass nur die Autolobby auf solche wilden Ideen kommt – niemand sonst. Als City-Bewohner fallen mir ganz andere Dinge ein: berlinweites Lastwagenfahrverbot nachts, Verbot getunter Sportwagen, Tempo 60 auf der Stadtautobahn und so weiter und so fort. Was diese Vorschläge allesamt sind? Unrealistisch – ebenso wie Nachtarbeit auf Baustellen. Jörn Hasselmann

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