Berlin : Pro und Contra: Rauchen

Siemens-Mitarbeiter sollen zwei Jahre lang mehr Ge

Siemens-Mitarbeiter sollen zwei Jahre lang mehr Gehalt bekommen, wenn sie mit dem Rauchen aufhören. Nichtraucher, sagt der Abteilungsleiter im Personalmarketing, seien fitter und weniger anfällig für Krankheiten - also auch wertvollere Mitarbeiter. 250 Mark mehr im Monat ist das dem Elektronik-Konzern wert. Den Anti-Rauch-Vertrag, in dem die Nikotinsüchtigen Abstinenz und die Firma die Zuschläge zusichern, haben bislang vier Mitarbeiter unterschrieben. Versuchsweise angeboten wurde er allerdings auch nur einer Abteilung mit 100 Beschäftigten. Andere Berliner Unternehmen wollten das Modell zunächst nicht einführen. Raucher würden dadurch finanziell bevorzugt, gab ein Schering-Sprecher zu bedenken. Nichtraucher könnten sich zu Recht beschweren. Auch bei Debis will die Konzernleitung nicht initiativ werden. Die "sehr wenigen Raucher" müssten sich mit den Nichtrauchern "absprechen". Positive Resonanz hat das Siemens-Projekt aber bei der Landesdrogenbeauftragten. Sie sieht die Gehaltszulage als "Ersatz für die Droge" Nikotin. Insofern könne das Siemens-Angebot eine wirksame Ausstiegshilfe sein. Der Sprecher der Gesundheitsverwaltung findet es vernünftig, die Raucher mit Anreizen zum Aufhören zu bewegen und nicht mit Verboten.



Nirgendwo in Deutschland hängen mehr Menschen an der Zigarette als in Berlin. Raucher haben ein geschwächtes Immunsystem und sind daher häufiger krank als Nichtraucher. In 15 Jahren verqualmen Raucher das Geld für einen Neuwagen, ihr Leben ist kürzer, aber oft lang genug, um den Gegenwert eines Einfamilienhauses in Rauch aufgehen zu lassen. Ein Großteil des ausgegebenen Geldes bessert als Tabaksteuer die Staatsfinanzen auf. Darum sind Raucher knapper bei Kasse als ihre Opfer, die Nichtraucher, deren Gesundheit die Qualmerei ebenfalls belastet. Aber vor allem sind Raucher süchtig, und Süchtige brauchen Hilfe.

Mit dem Rauchen aufzuhören, ist bekanntlich kein Problem. Schwierig ist es, nicht wieder anzufangen. Es geht darum, den inneren Schweinehund zu überlisten. Und dem hat die Firma Siemens jetzt den Kampf angesagt, und zwar mit einem bestechenden Angebot an rauchende Mitarbeiter. In der Abteilung Personalmarketing können qualmende Kollegen ab sofort monatlich 250 Mark brutto mehr verdienen und das zwei Jahre lang.

Einzige Bedingung: Sie müssen den Zigaretten dauerhaft entsagen. Ein lohnender Anreiz, den Entschluss zum Nichtrauchen durchzuhalten - zusätzlich zum gesparten Zigarettengeld. Berlins Drogenbeauftragte hält das Modell für vorbildlich. Schließlich gewinnt auch der Arbeitgeber: gesündere Mitarbeiter, ein rauchfreies Betriebsklima und die Gewissheit, den volkswirtschaftlichen Schaden der Nikotinsucht zu begrenzen: eine Milliardenlast, die auch Nichtraucher mitbezahlen.

Die Finanzspritze gegen das Rauchen scheint allemal wirksamer als Verbote und eine gesellschaftliche Ächtung von Rauchern. Nichtraucher, die beklagen, dass ausstiegswillige Raucher damit finanziell bevorzugt werden, sollten sich freuen, weniger Steuern zu zahlen - und von der Sucht verschont zu bleiben.

Stephan Wiehler

Es ist ungerecht. Und es ist die falsche Methode. Die Idee des Siemens-Abteilungsleiters, Rauchern fürs Aufhören eine befristete Gehaltszulage zu geben, wird nicht nur das von den Nikotinsüchtigen ohnehin belastete Betriebsklima verschlechtern. Welcher nichtrauchende Gehaltsempfänger sollte einem Projekt zustimmen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist? In der Modell-Abteilung machen lächerliche vier von 100 Mitarbeitern mit. Auf die Abbrecher-Quote nach zwei Jahren darf gewettet werden. Den Nikotinentzug mit Geld kompensieren? Quatsch! Selbstbeherrschung kann man nicht kaufen. Es gibt viele Gründe aufzuhören: Wenn der Leidensdruck unerträglich, wenn der Selbstekel zu groß wird oder wenn sich lebensbedrohliche Folgekrankheiten einstellen. Einigen wenigen Rauchern soll es gelungen sein, sich ihrem Partner oder ihren Kindern zuliebe von ihrer Sucht zu befreien. Aber für 250 Mark mehr im Monat ändert niemand sein Leben. Diesen Betrag könnten Raucher schon einsparen, wenn sie sich keine Zigaretten mehr kaufen würden. Wäre es also denkbar, dass sie für insgesamt 500 Mark aufhören? Bekanntlich rauchen auch Arme Kette. Sie sparen es sich vom Munde ab, verzichten auf die wahren kleinen Freuden des Lebens oder enthalten sie gar ihren Kindern vor.

Dem Abteilungsleiter, der wie ein hilfloser Vater Geldgeschenke für Wohlverhalten anbietet, sei ein anderes Modell vorgeschlagen: Raucher sollten sich das Recht erkaufen müssen, im Betrieb zu rauchen. Sie "mieten" gemeinsam einen Raum zum Qualmen. Dann können die nichtrauchenden Kollegen auch auf dem Flur wieder durchatmen. Von dem Ertrag könnte ein psychologisch betreutes Programm für Entwöhnungswillige finanziert werden. Wo es in einem Betrieb um Mitarbeitermotivation und Geld geht, kann nur eines zählen: Leistung muss sich lohnen. Eine Nichtraucherprämie schafft nur böses Blut.

Amory Burchard

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