Pro & Contra : Soll auf U-Bahnhöfen Klassik gespielt werden?

PRO



So sehr ich mich an den Gedanken gewöhnen muss, dass Musik von Verdi und Puccini geeignet ist, Leute zu vertreiben, so sehr bin ich von der Idee geradezu begeistert. Denn nichts ist beim U-Bahn-Fahren nerviger, als sich seinen Weg durch eine Gruppe von Dealern bahnen zu müssen. Ist der Weg künftig frei, nur weil aus den Lautsprechern „Tosca“ zu hören ist – bitte sehr, dann bin ich unbedingt dafür. Natürlich ist auch mir klar, dass mit dem Musikabspielen die Dealer und Blödquatscher nicht vom Erdboden verschwinden. Sie lungern dann anderswo herum. Das ist mir aber erst einmal einerlei, wenn ich wenigstens in der U-Bahn meine Ruhe habe und mich wieder ein Stückchen sicherer fühlen kann. Wenn dann erst überall Opern zu hören sind, muss sich trotzdem niemand dauerhaft auf dem Grünen Hügel oder im Salzburger Festspielhaus wähnen. Das nach wie vor ranzige Aussehen der Berliner U-Bahnhöfe wird schon ausreichen, um bloß nicht zu viel der steifen und elitären Atmosphäre aufkommen zu lassen. Wenn der Versuch tatsächlich funktioniert, kann meinetwegen die Opernbeschallung sogar noch ausgeweitet werden. Ich denke da zum Beispiel an die Garderoben der Schwimmbäder, in denen sich an vollen Tagen niemand ungestört umziehen kann, weil irgendeine dauerduschende Jugendgang gerade meint, mal wieder Leute einschüchtern zu müssen. Matthias Oloew


CONTRA

Auf den ersten Ton keine schlechte Idee: eine Endlosschleife klassischer Musik, um unerwünschte Menschen wegzuekeln. Das Prinzip funktioniert immerhin bei dem ewig gleichen Für-Elise-Geleier in der Telefonwarteschleife beim Kundenservice: Drei Minuten Beethoven für Anfänger, und jeder knallt entnervt den Hörer auf. Ähnlich wird es auch auf den U-Bahnhöfen sein. Sicher, Dealer und Penner werden wahrscheinlich vom Bahnsteig verschwinden – wie am Hamburger Hauptbahnhof. Schrilles Gefiedel vermischt sich dort mit Bahnhofsgeräuschen und ergibt eine furchtbare Kakophonie. Auch klassikliebende Fahrgäste können nicht schnell genug ihre Fahrkarte ziehen und verschwinden. Dealer und Fixer aber reisen nicht ab wie die Fahrgäste. Stattdesssen gehen sie nur ein paar Schritte weiter – dorthin, wo die Musik nicht mehr ganz so laut ist. Das Problem wird also nicht behoben, sondern nur verschoben. „Kosmetik“ warf man deshalb der Hamburger Schill-Partei vor, die es sich vor etwa sechs Jahren zur Aufgabe gemacht hatte, den Bahnhof von Dealern und Junkies zu „befreien“. Und mal ehrlich, wollen wir uns wirklich den umstrittenen, rechtslastigen Ex-Innensenator Ronald Schill zum Vorbild nehmen? Der ist übrigens inzwischen untergetaucht, wahrscheinlich in Brasilien – vielleicht hat er sich ja von der Musik am Hamburger Hauptbahnhof vertreiben lassen. Daniela Martens

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