PRO & Contra : Soll der Hauptbahnhof ein längeres Dach bekommen ?

Siegrid Kneist

Der Hauptbahnhof ist schon ein wichtiges Bauwerk des neuen Berlin. Aber ein richtig bedeutendes ist er leider nicht geworden. Nach wie vor wirkt der Bahnhof unvollendet; die Proportionen des Baus stimmen nicht. Ja, das viel diskutierte Dach ist zu kurz, und das kratzt mächtig am optischen Gesamteindruck, den der Bahnhof im Stadtbild lässt. Es war eine krasse Fehlentscheidung vor allem von Bahnchef Hartmut Mehdorn, die Planungen der Architekten zu verändern und nur ein Stummeldach bauen zu lassen. Von anderen Fehlentscheidungen – etwa die nüchterne Deckenkonstruktion für die unterirdischen Gleisanlagen – ganz zu schweigen.

Zwei Jahre nach der Eröffnung des Bahnhofs wäre jetzt durchaus noch die Möglichkeit, die Dachfrage zu lösen und die ursprüngliche Planung umzusetzen. Völlig richtig, dass Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der Mehdorns Entscheidung ja immer kritisiert hat, gerne Druck auf die Bahn ausüben möchten, den damaligen Fehler zu korrigieren.

Hoffentlich setzt sich diese Erkenntnis bei den Bundestagsabgeordneten durch, die auch über die Finanzierung zu entscheiden haben. Die Elemente für die Verlängerung gibt’s ja längst. Natürlich kosten die Bauarbeiten, und selbstverständlich bringen sie Unannehmlichkeiten wie Fahrplanänderungen mit sich. Aber die Einschränkungen sind überschaubar, sie sind es wert. Siegrid Kneist

2006 war nicht nur das Jahr, in dem der Hauptbahnhof möglichst schnell fertig werden musste. Etwa seit 2006 bekommen die Fahrgäste (400 Millionen im Jahr!) auch den Niedergang der einst so tollen S-Bahn zu spüren. Jetzt sind die Züge gern mal überfüllt, weil kürzer. Sie fahren langsamer – durch Bahnhöfe, auf denen keiner mehr ist, der blödsinnige Anzeigen korrigieren und Verspätungen ansagen könnte. Blockierte Fenster, kaputte Türen, beschmierte Flanken: Was die seltene Ausnahme war, bekommt die Stammkundschaft für 855 Euro Jahresbeitrag (Tarif ABC) nun regelmäßig geboten.

Wer im Regionalzug – fast egal, auf welcher Linie – durchs Land reist, sieht draußen, eingebettet in blühende Landschaften, Trümmerkulissen vorbeiziehen. Wo es am allerschlimmsten aussieht, hält der Zug meist an, weil da der Bahnhof ist.

All das muss offenbar so sein, wenn die Bahn sich börsenfein spart. Beim Hauptbahnhof durfte es mit einer reichlichen Milliarde Euro ausnahmsweise etwas mehr sein. Zu Recht, wie das Resultat zeigt. Das kurze Dach ist ein Schönheitsfehler, der aber durch die Neubauten ringsum ohnehin bald kaschiert wird. Eine Bahn, die ihre Kunden sonst ganz selbstverständlich einregnen lässt und keinen Meter Schallschutzwand freiwillig herausrückt, darf für so eine Schönheits-OP weder 53 Millionen Euro verschleudern noch eine ihrer wichtigsten Strecken monatelang lahmlegen. Neue Kunden würde die Aktion nicht bringen. Aber alte vergraulen ganz gewiss. Stefan Jacobs

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