Pro & Contra : Soll der Staat Flagge zeigen zur EM?

Stefan Jacobs

PRO



Uiuiui, war das manch einem unheimlich bei der Fußball-WM vor zwei Jahren: Überall plötzlich diese Deutschlandfahnen an Autos und Fenstern. Was sollten bloß die Menschen im Ausland von uns denken? Nun, nach allem, was man weiß, fanden sie uns ganz sympathisch. Und zwar nicht trotz, sondern auch wegen der Flaggen. Und auch die Deutschen sind ganz überwiegend nicht von Herrenmenschengefühlen ergriffen worden bei so viel Schwarz-Rot-Gold. Die Sache ist also gut gegangen. Das wird sie auch wieder. Denn es spricht nicht nur nichts dagegen, sondern vieles dafür, Flagge zu zeigen. Da es so viele Leute tun, wäre es ein Zeichen von Bürgernähe, wenn es der Staat ebenfalls täte. Es ist auch keineswegs missverständlich, da die Nationalflagge einfach für Deutschland steht und nicht gegen irgendwas oder irgendwen. Wer in das Schwarz-Rot-Gold auf den BVG-Bussen eine Botschaft nach dem Motto „Ausländer raus“ interpretiert, kann ebenso gut die Flaggen auf dem Reichstag als Indiz für den nächsten Angriffskrieg deuten. Kämen uns etwa französische Flaggen an Pariser Métro-Zügen in diesen Zeiten verdächtig vor? Oder polnische an polnischen Straßenlaternen? Na also. Flaggen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, können durchaus entkrampfend wirken. Also raus damit! Stefan Jacobs

& CONTRA

Fußballbegeisterung ist eine schöne Sache. Sie bringt Menschen zusammen, die vor großen Bildschrimen jubeln und weinen, egal welches Trikot sie tragen oder welchen Wimpel sie schwenken. Wir erinnern uns mit Freude an das Sommermärchen der WM 2006, und wir hissen auch jetzt wieder die Fähnchen an Balkonen und an Autofenstern, obwohl das Turnier diesmal nicht bei uns, sondern bei den Nachbarn stattfindet. Das ist ja alles niedlich und patriotisch unbedenklich. Aber soll deshalb gleich jedes Bürgeramt, jede Polizeistreife und jede Kita in städtischer Trägerschaft schwarz-rot-gold flaggen? Das hätte doch etwas Lächerliches. Deutschland ist eine Fußballnation – aber kein Fußballstaat. Der Würde des Staates und seiner Institutionen steht ein wenig emotionale Neutralität gut an. Der Sturm der deutschen Elf braucht zur Verstärkung keine im Wind knatternden Amtsfahnen. Bei aller Liebe zum Fußball: Es ist nur ein Spiel, Leute! Da muss der Bundesadler nicht gleich strammstehen, Vorschulkinder brauchen nicht zum Zählappell antreten oder im Morgenkreis mit ihren Erzieherinnen die Hymne absingen. Lasst Fähnchen schwenken und sich schwarz-rot-güldene Wangen schminken, wem danach zumute ist. Aber, bitte, ordnet zur EM keine Beflaggung an. Das verdirbt den Spaß. Stephan Wiehler

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