PRO & Contra : Soll die Staatsoper modern ausgebaut werden?

Holger Wild

Ein Quantum Kulturkonservatismus trägt ja durchaus zur geistigen Gesundheit bei. Nicht jede neue Mode, Vorrichtung oder Idee ist gut, bloß weil sie neu ist. Etwas Bestehendes aber einzig deshalb für sakrosankt zu erklären, weil es eben besteht, verkehrt Skepsis in Verstocktheit. Das gilt auch für die Staatsoper. Die soll zwar in der ganzen Welt für die kulturelle Strahlkraft Deutschlands stehen – doch ihre mangelhafte Raumakustik muss durch verborgene Lautsprecher wettgemacht werden. Und hunderte Opernfreunde können das Bühnengeschehen nur in Ausschnitten verfolgen – ihre Sitze heißen bezeichnenderweise „Hörplätze“. Nun aber gibt es die Chance, mit der anstehenden Generalsanierung auch den Zuschauersaal grundlegend umzubauen. Der von der Fachjury auserkorene Architekturentwurf macht die Vorstellungen für alle Besucher unverstellt und unvermittelt erlebbar. Was wiegt dagegen der dekorative Klimbim von Stuck und anderem Zierrat, der heute das Bild des Saales prägt? Nur weg damit! Was nach Rokoko aussehen soll, stammt ja tatsächlich von 1951; ist nicht historisch, sondern nur historisierend. Die Wahl lautet also: ein unpraktischer Saal in Stilmöbel-Ästhetik – oder ein zeitgenössischer, eleganter, der der Kunst der Musiker und Sänger erst den würdigen Rahmen gibt. Was gibt es da zu zögern? Holger Wild

Mag ja sein, dass der ganze Plüsch nicht mehr zeitgemäß ist, die güldenen Stuck-Orgien, der Prunk. Doch das meiste von dem, was bei seinem Bau als „radikal modern“ gerühmt wird, sieht nach ein paar Jahren erst recht alt aus. Da ist die Deutsche Oper, dieser Betonklotz mit seiner charmefreien Bestuhlung in Nicht-Farben, nicht das einzige Beispiel. Dabei hat sie ja wenigstens noch ein Gesicht, auch wenn man sich über dessen Schönheit vielleicht streiten kann.

Noch schlimmer sind die gesichtslosen Neubauten, die in den vergangenen Jahren in der ganzen Stadt entstanden sind. Sie könnten überall auf der Welt stehen. Anders als die Staatsoper Unter den Linden mit ihrem Pseudo-Rokoko in Blutrot und Gold. Hier hat die DDR in den Fünfzigern mal ein geglücktes Stück Architektur geschaffen, das es zu erhalten gilt – gerade weil es so eben nirgendwo anders stehen könnte. Am besten wäre beides: Bewahrung des denkmalgeschützten Innenraums bei gleichzeitiger Verbesserung von Akustik und Sicht: Plüsch mit Hightech, sozusagen. Es gibt aus dem Architektenwettbewerb derzeit sechs Entwürfe, die das zumindest zu erreichen versuchen. Diese Entwürfe sollte die Öffentlichkeit jetzt mal zu sehen bekommen. Vielleicht lässt sich ja noch verhindern, dass der Innenraum der Lindenoper totsaniert wird. Fatina Keilani

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