PRO & Contra : Soll es in Berlin wieder einen autofreien Sonntag geben?

Annette Kögel

Eins vorab, das soll nicht verschwiegen werden: Die Verfasserin dieser Zeilen ist leidenschaftliche Auto- und Motorradfahrerin. Und, seitdem sie einst kurze Zeit nicht Auto fahren konnte und eine Alternative suchen musste, ebenfalls begeisterte Fahrradfahrerin.

Soll sagen: Manchmal müssen Menschen zu ihrem Glück gezwungen werden. Oder anders ausgedrückt: Von allein wird das nichts mit einem autofreien Sonntag, das haben einige vergebliche Versuche gezeigt. Der Mensch ist von Natur aus bequem, der Autofahrer erst recht, und so lange ihm niemand den Zündschlüssel abnimmt, wird er weiter fahren, bis die letzte CO2-Wolke in die Luft gepustet und der letzte Gletscher geschmolzen ist. Es gibt auf dieser Welt ein Klimaproblem, ausgelöst durch die westlichen Länder seit der Industrialisierung. Deswegen sind wir jetzt in der Pflicht und können nicht auf China und Indien zeigen. Andere europäische Metropolen wie Rom und Paris setzen mit ihrem autofreien Tag längst ein Zeichen, Berlin muss endlich folgen. Und die Stadt sollte diesen Tag verordnen, damit sich ihre Bürger daran halten. Gesetze regeln den Verkehr, das ist Allgemeingut, so darf auch die Zwangspause zum eigenen Wohl vorgeschrieben werden. Erst dann werden Skeptiker merken, wie gut das tut, mal anders unterwegs zu sein, mit neuen Perspektiven; die Stadt und auch sich selbst mit Bus und Bahn und Rad neu zu erfahren. Annette Kögel

Der erste autofreie Sonntag fiel Anfang Januar in Hamburg buchstäblich ins Wasser: Es regnete, die Leute blieben lieber zu Hause. Und die, die draußen waren, stiegen nicht wie erwartet in Massen auf Bus und Bahn um. Die Polizei in der Hansestadt registrierte nur „etwas weniger“ Autos als an Werktagen. Jetzt will sich die Berliner Landespolitik mit autofreien Sonntagen versuchen. Sie tut so, als gäbe es ein Problem, das es aber de facto gar nicht gibt. Am Sonntag fahren ohnehin weniger Autos als an Werktagen. Das eigentliche Problem sind hunderttausende Fahrzeuge, die werktags unterwegs sind. Also bleibt als Argument für das Fahrverbot nur die Symbolhandlung. Glaubt aber tatsächlich irgendjemand, dass sich dadurch die Grundeinstellung der Bevölkerung ändert? Wer eingefleischten Autofahrern das Umsteigen auf den Nahverkehr schmackhaft machen will, muss das Angebot billiger und besser machen. Und das Argument, mit einem autofreien Sonntag bei den Bürgern einen „Moment des Nachdenkens“ zu erwirken, zieht auch nicht. Politiker sollten sich lieber mal Gedanken machen, wie sie mit den veränderten Klimabedingungen umgehen müssten. Stichwort Vorbildfunktion: ihren Fuhrpark auf Hybridautos umstellen, die BVG- Busse, die Polizeiautos modernisieren und endlich mehr Geld für eine umweltgerechte Sanierung von Gebäuden bereitstellen. Sabine Beikler

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