PRO & Contra : Soll es in Mitte einen „Platz des 17. Juni“ geben?

Susanne Vieth-Entus

Wenn man Jugendliche in Ost und West heute fragt, wie sie über die DDR denken, gibt es mit schöner Regelmäßigkeit die Antwort, dass da immerhin alle Arbeit hatten; nur die Sache mit der Mauer sei natürlich nicht so gut gewesen. Was es sonst noch gab an Unterdrückung, Gewalt, polizeilicher und juristischer Willkür, wird gern ausgeblendet – weil es nicht mehr präsent ist. Wenn man Glück hat, erwischt man noch jemanden, der immerhin „Das Leben der Anderen“ gesehen hat und deshalb ahnen kann, wie sich der Stasi-Staat angefühlt hat. Kaum jemand weiß, dass es DDR-Bürger waren, die – immerhin 15 Jahre vor dem Prager Frühling – als Erste im Ostblock versucht haben, gegen die Sowjetmacht aufzubegehren. Aus einer historischen Tat, auf die das ganze Volk stolz sein könnte, wurde ein weißer Fleck. Natürlich kann man mit einem Platz, der an den Aufstand erinnert, nicht die Erzählungen der Eltern und Lehrer ersetzen. Aber er würde es zum Beispiel Lehrern, die den Aufstand im Unterricht behandeln wollen, erleichtern, am authentischen Ort die Geschichte zu veranschaulichen – vor allem dann, wenn dort auch Fotos und Tafeln an die Vorgänge erinnerten. Die Schüler, aber auch die Touristen, die in die Stadt kommen, wüssten dann immerhin, dass die Stadt den Aufstand würdigt und sein Andenken bewahrt. Erbärmlich, ein solches Ziel mit verwaltungstechnischen Winkelzügen zu torpedieren. Susanne Vieth-Entus

Gedenken ist gut, Gedenken ist wichtig. Auch jenes als Tag des Volksaufstandes berühmt gewordenen Mittwochs im Juni des Jahres 1953 sollte fraglos gedacht werden – in Schule und Stadtplan. Das wird es bereits: Zwei Straßen und ein Platz im Ostteil der Stadt wurden nach Teilnehmern des Aufstandes benannt. Damit nicht genug. An der Ecke Wilhelm- und Leipziger Straße – jenem Ort, wo einer der Brennpunkte des Aufstandes lag und der jetzt umbenannt werden soll – steht eine mannshohe Stele. Ende des Jahres sollen noch vier weitere hinzu kommen. Angeleitetem Erinnern am authentischen Platz steht folglich auch ohne offizielle Namensänderung nichts im Weg. Dass das Erinnern durch eine Umbenennung eine neue Dimension gewinnt, darf ohnehin bezweifelt werden. Kein Platz könnte jenes Straßendenkmal an Imposanz übertrumpfen, das es bereits gibt: Es ist rund 3,5 Kilometer lang, führt vom Brandenburger Tor bis zum Ernst-Reuter-Platz und ist seit den Tagen der Loveparade und seiner Nutzung als Fanmeile bei der WM 2006 weltberühmt – die Straße des 17. Juni. Erinnern global, sozusagen. Ja, aber die liege eben nicht in Mitte, motzt der Opferverband. Na und? Liegt die Hiroshimastraße in Japan? Wer heute einem Bezirk ein besonderes Erinnerungsrecht einräumen will, der zieht die Mauer durch die Stadt, die 1989 eingerissen wurde. Am 17. Juni sind die Menschen für Berlin und Deutschland auf die Straße gegangen – nicht für Mitte.Moritz Honert

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