PRO & Contra : Soll es weiterhin verkaufsoffene Sonntage geben?

Bernd Matthies

Man mag es bedauern oder auch nicht, aber die christlichen Kirchen repräsentieren nicht mehr die Mehrheit der Gesellschaft. Und ihre Regeln setzen nur noch einen lockeren Rahmen, der längst durchbrochen ist. An jedem Sonntag, den der Herr werden lässt, brechen in Deutschland zahllose Menschen das Ruhegebot, weil sie Busfahrer, Bäcker, Arzt oder Zeitungsredakteur sind. Das wird allgemein akzeptiert. Weshalb also droht der Untergang des Abendlandes nun ausgerechnet, wenn auch die Läden in den Zentren unserer großen Städte sonntags geöffnet werden? Speziell in Berlin geht es darum, das richtige und alternativlose Konzept der Dienstleistungsmetropole mit Leben zu erfüllen; weniger für die Einwohner der Stadt selbst, die zum entspannten Einkauf den Sonntag nicht unbedingt brauchen, auch wenn sie ihn intensiv nutzen. Viel wichtiger ist die Wirkung auf Wochenendtouristen, die durch einen offenen Sonntag oft einen zusätzlichen Tag zum Einkaufen geschenkt bekommen und dieses Angebot gern annehmen. Schon die Erweiterung der Öffnungszeiten abends und am Sonnabend war unter diesem Aspekt ein riesiger Erfolg. Daraus mag, wie in vielen anderen Städten der Welt, ein anderer Rhythmus erwachsen, etwa eine faktische Geschäftsruhe am Montagvormittag, wenn ohnehin keine Kunden unterwegs sind. So anpassungsfähig sollte eine Weltstadt sein. Vor Jahren ist der Kampf um den Ladenschluss mit ähnlicher Verbissenheit um den langen Sonnabend geführt worden. Möchte heute noch jemand zurück in die Zeit, als mittags um zwei die Bürgersteige hochgeklappt wurden? Bernd Matthies

Für jeden, dessen Arbeitstage nicht ganz beamtenmäßig-ordentlich ablaufen, sind zusätzliche Einkaufszeiten ein großer Gewinn. Es ist gewonnene Lebensqualität, dass man in einigen Berliner Supermärkten an jedem Tag in der Woche auch spätabends einkaufen kann.Viele Leute arbeiten lange über die „Unser Geschäft schließt um 18.30 Uhr“-Zeitgrenze hinaus. So muss es sein in einer großen Stadt. Und doch ist es falsch, daraus zu schließen, dass man auch am Sonntag so einkaufen können soll wie an jedem anderen Tag. Nicht, weil der Sonntag für Christen der Tag des Kirchgangs ist – wer die Messe feiern will, lässt sich durch Shopping-Möglichkeiten davon nicht abhalten. Auch nicht, weil eine Menge Leute sonntags arbeiten müssen. Sondern weil auch für die der Sonntag – noch – etwas Besonderes ist. Es ist der Tag mit dem anderen Tempo – sogar die Krankenschwestern auf der Intensivstation merken das wenigstens auf dem Weg zur Arbeit. Es ist der Tag für das andere Zeitgefühl. Es ist der Tag in der Woche, an dem man – wenn man will – am ehesten in Ruhe über etwas nachdenken kann. Shopping ist für manchen einfach eine nette Zerstreuung – sei es drum. Den Sonntag aber zum Shopping-Tag zu machen, läuft darauf hinaus, dass die Leute im Alltag noch besser funktionieren. Es läuft darauf hinaus, jeden einzelnen Wochentag unterschiedslos zum Arbeitstag in der großen globalisierten Welt des Produzierens und Konsumierens zu machen. Der Sonntag würde zum Alltag, an dem die meisten frei haben, um die Garderobe oder die Möblierung aufzurüsten. Hauptsache – man funktioniert? Werner van Bebber

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