Pro & Contra : Soll es weniger Großveranstaltungen geben?

PRO

Es wird inzwischen eine Menge Leute geben, die die Innenstadt an den Wochenenden meiden. Ehe man sich über alle Verkehrsbeschränkungen, Großraum-Umnutzungen und Für-den-normalen-Menschen-Sperrungen informiert hat, macht man lieber etwas Unkompliziertes. Wie schön, beispielsweise, dass das Völkerkundemuseum noch nicht im infarktbedrohten Herzen der Stadt untergebracht ist: Man kommt gut hin, man kommt leicht hinein, man hat keinen Aktionsstress. Der Rest der Stadt aber gerät an jedem Wochenende wieder in eine sich an sich selbst erregende Event-Hysterie. Und die nervt Leute, die eine Stadt wegen ihrer Cafés, Geschäfte, Kinos, Museen, Galerien, Konzerte, Restaurants schätzen, aber nicht wegen großräumiger Massenereignisse. Okay – die Massen bringen Geld, ob sie Marathon laufen, radeln oder event-shoppen wollen. Ob sich die hier inzwischen übliche Art des Image-Ausschlachtens aber rechnet, sei dahingestellt. Ganz abgesehen davon, dass Binnenkaufkraft entfällt, wo Touristenkaufkraft sich breit macht, ist kein Boom von ewiger Dauer. Deshalb wird es Zeit, Berlin an – sagen wir – einem Wochenende in den Sommermonaten den Berlinern und jenen Besuchern zurückzugeben, die nicht bespielt werden müssen wie Teilnehmer einer Butterfahrt. Das wäre nachhaltige Stadtentwicklung. Werner van Bebber

CONTRA

So eine Forderung können wirklich nur Mecker-Berliner aufstellen: Diese Stadt soll sich also freiwillig von ihren Attraktionen trennen. Doch das wäre absolut kontraproduktiv. Denn die Hauptstadt ist seit dem Mauerfall wunderbar in ihre Rolle als Metropole hineingewachsen. Alle Welt liebt und schätzt sie für ihre attraktiven Angebote, und wohl der allermeiste Teil der Hauptstädter ist froh und glücklich über die Veranstaltungsvielfalt, die sich einem Woche für Woche präsentiert. Andere Städte sehnen sich danach.

Die Behauptung, die Feste und Events seien den Berlinern plötzlich zu viel, weil sie wegen der Straßensperrungen angeblich festgetackert zu Hause sitzen müssen, entbehrt jeder Grundlage. Selbst nach dem nun wirklich die ganze Stadt durchziehenden Velothon gab es keine Beschwerden. Man kommt immer von A nach B. Die Stadt muss sich auch weiter als Ausrichter von Fahrrad-Großereignissen zum Klimaschutz bekennen.

Es darf jetzt nicht zentralistisch ins gesellschaftliche Leben hineindirigiert werden. Der florierenden Stadt schadet bereits die Order, dieses oder jenes bezirkliche Straßenfest zu verbieten. Marathon, absagen, Fanmeile dichtmachen, bloß nicht für den Eurovision Song Contest bewerben? So würde man der Wirtschafts- und der Strahlkraft Berlins kräftig schadet: was für ein Eigentor. Annette Kögel

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