Pro & Contra : Soll man Internetkenntnisse schon in der Grundschule vermitteln?

Cybermobbing, illegale Downloads, Brutalospiele – nur wenige Kinder überblicken die Gefahren des Internets. Pädagogen raten zur Schulung – ein Pro & Contra.

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Lehrreich. Gehört der Computer schon in die Grundschule? Das ist hier die Frage. Wir stellen das Thema zur Debatte. Foto: dpa
Lehrreich. Gehört der Computer schon in die Grundschule? Das ist hier die Frage. Wir stellen das Thema zur Debatte. Foto: dpaFoto: dpa

Sie können sich ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen. In die vernetzte Informationswelt hineingeboren, wachsen sie mit Google, Facebook und YouTube auf: die sogenannten „Digital Natives“. Sie gehen ganz selbstverständlich und unbesorgt, mitunter leichtsinnig mit den Angeboten im Internet um. Ihre Geschwister und Eltern, die ihre Reisen über das Internet buchen, sind ihre Vorbilder. Die erste Generation dieser „Natives“ ist bereits volljährig geworden. Und die KIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest von 2010 zeigt: Gerade bei den Jüngeren, den Sechs- bis Achtjährigen, steigt die Zahl der Internetnutzer am schnellsten. So werden auch soziale Netzwerke immer mehr zum Kinderspielplatz: Jeder Dritte Elfjährige in Deutschland besitzt bereits ein persönliches Online-Profil.

Aus gesellschaftlicher Sicht scheint es wichtig, dass Heranwachsende eine angemessene Medienkompetenz entwickeln. Doch wem obliegt die Verantwortung? Liegt sie in der Hand der Eltern oder muss insbesondere die Schule aktiv werden? Und wenn die Schule die Verantwortung tragen soll: Ab wann sollten Kinder im Umgang mit dem Internet geschult werden? Bereits in der Grundschule?

Viele Eltern, die noch in der Papierwelt groß geworden sind, wissen wenig darüber, was ihre Sprösslinge online so treiben. Dabei sind viele von ihnen, vor allem die Kleinsten, mit den Gefahren und Risiken der virtuellen Welt nicht genug vertraut. Soziale Netzwerke, Computerspiele, Musikdownloads und Cybermobbing: Vielen Heranwachsenden fehlt das Gefühl für den angemessenen Umgang mit persönlichen Informationen. Sie geben von Handy-Nummern bis zu Partyfotos bedenkenlos private Informationen preis. Hinzu kommt bei vielen eine nachlässige Auffassung oder Unwissenheit in Urheberrechtsfragen: Illegale Musik- und Filmtauschbörsen erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Viel diskutiert ist derzeit auch eine neue Form des Cybermobbings: die Internetpräsenz „Isharegossip“, über die üble Kommentare über die Opfer bis hin zu Ankündigungen von Amokläufen verfasst werden. Der Seitenbetreiber wirbt damit, dass die Seite zu „100 Prozent legal“ sei und die Täter anonym blieben.

Der Rahmenlehrplan der Grundschule in Berlin und Brandenburg sieht das sachgerechte und altersgemäße Lernen mit Medien in verschiedenen Lernbereichen vor. „Ob sie bereits im Grundschulalter mit den Chancen und Risiken im Internet in der Schule vertraut gemacht werden sollten, kommt auf die reale Mediennutzung der Kinder an – zum Beispiel zu Hause und außerhalb der Schule“, sagt Michael Retzlaff, Referatsleiter für Medienbildung am Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum) Berlin-Brandenburg. „Das heißt, wenn Surfen für eine Klasse keine Rolle spielt, dann kann abgewartet werden. Sind die Kinder aber bereits aktiv im Netz, dann besteht pädagogischer Handlungsbedarf.“

Eine mögliche Erklärung für die Zunahme der Internetnutzung bei Kindern liefert die KIM-Studie: Viele Eltern seien der Meinung, dass Computerfertigkeit unverzichtbar für eine erfolgreiche Karriere sei und ihr Nachwuchs daher so früh wie möglich an den Computer gewöhnt werden sollte. Hätte nicht deshalb, gerade bei jungen Kindern, die Verantwortung bei den Eltern zu liegen? Die Studie des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien von 2009 zeigt, dass sie sich vor allem bei jüngeren Kindern mehr Zeit nehmen, um mit ihnen ins Internet zu gehen. Würde eine zu frühe Schulmaßnahme diese Erziehungsverantwortung nicht auf die Lehrer abwälzen – zumal diese selbst oft nicht über genügend Medienkompetenz verfügen?

Die Schule und das Elternhaus sollten gemeinsam die Kinder auf dem Weg in die Mediengesellschaft unterstützen und kompetent begleiten, sagte Retzlaff. „Das Ziel ist, schrittweise und altersgemäß den verantwortlichen, kritischen, sachgerechten und kreativen Umgang mit Medien zu entwickeln.“ Das Lisum erreichten zurzeit von besorgten, manchmal auch hilflosen Eltern und Elternvertretungen unzählige Anfragen zum Thema Internetnutzung ihrer Kinder. Viele fühlten sich überfordert, wenn es darum gehe, mit ihren Sprösslingen über die negativen Seiten des Internets zu sprechen. „Doch wenn man weiß, dass nur etwa 20 Prozent der Kinder ihren Eltern zu Hause erzählen, wenn sie etwas Grausames im Netz entdeckt haben, kann man die Problemlage deutlich erkennen“, sagte Retzlaff. Nicht nur die Eltern, auch viele Lehrer seien von dieser Unwissenheit betroffen. Deshalb gelte für junge Internetnutzer egal welchen Alters: „Sobald das Internet zu Hause, außerhalb der Schule und in der Schule genutzt wird, ist es wichtig, den offenen Umgang unter dem Aspekt Chancen und Risiken altersgemäß zu thematisieren – am besten ganz selbstverständlich und regelmäßig in der Schule“ meint Retzlaff.

PRO

Fünf Worte, die unser kleiner Junge zuerst gelernt hat: Mama, Papa, Ball, nein, Puter. Puter heißt inzwischen Romputer und steht für Computer. Es ist nicht so, dass wir den Jungen da bewusst herangeführt hätten. Und es ist auch nicht so, dass wir zu Hause dauernd am Bildschirm säßen und nichts Besseres zu tun hätten. So ein kleiner Mensch kann im Jahr 2011 gar nicht anders, als all die blinkenden und piependen Laptops, Smartphones und Tablet-Computer um sich herum wahrzunehmen und sich zu fragen, was da wohl dahintersteckt. Ist doch gut, dass er so aufgeweckt ist und sich das fragt. Für ihn sind Computer von Beginn seines bewussten Lebens an eine Selbstverständlichkeit. Man kann das beklagen, man kann es ganz toll finden, man kann es jedenfalls nicht ausblenden. Nicht die Technik ist schlecht, nicht die Hardware, nicht die Software, nicht das Internet. Der Umgang damit ist entscheidend. Das Gute vom Schlechten zu unterscheiden, ist im unüberschaubaren Netz fast noch schwieriger als in der realen Welt. Das verlangt nach Schulung. Wenn digitale Technik schon Kleinkinder nicht mehr loslässt, dann dürfen wir sie damit weder allein lassen noch davon fernhalten. Spätestens im Grundschulalter müssen wir sie an das heranführen, was gut ist und lehrreich im Netz – und was Spaß macht. Markus Hesselmann

CONTRA

Schreiben wir mal kurz eine bessere Welt herbei: Kinder bis zum Alter von zwölf sollten keinen Zugang zu Computern haben – und um noch einen draufzusetzen: auch nicht zu computerartigem elektronischen Spielzeug. Sie brauchen das nicht. Kinder brauchen Eltern, die Zeit für sie haben, sie brauchen viel Zeit zum Spielen, für Freiheit, Draußen-sein-Können, Sicherheit. Es gibt keinen Grund, sie einem Computer zu überlassen. Computer sind Arbeitsgeräte für Erwachsene, und eine wachsende Zahl ist von diesen Geräten so fasziniert, dass sie die Welt hinter dem Monitor langsam vergisst. Vorzugsweise diese von Rechnern und dem Netz faszinierten Erwachsenen argumentieren gern, Kinder müssten „möglichst früh Medienkompetenz/Internetkompetenz lernen“. Frei nach Edmund Stoiber kann man auch das Erlernen von Kompetenzkompetenz fordern - das ändert nichts daran, dass Computer Geräte sind und das Internet zuallererst nichts anderes als ein Medium. Von beidem kann man sich heftig bis zur Distanzlosigkeit faszinieren lassen. Wer mal Kindern am Computer zugesehen hat, begreift sofort, dass sie Distanz dazu nicht aufbauen können. Sie sind dem Zeichengewitter genauso ausgeliefert wie dem Suchtpotential elektronischer Dauerspiele oder Unterhaltung. Diese Attacken kommen noch früh genug. Werner van Bebber

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