PRO & Contra : Soll Thilo Sarrazin zurücktreten?

Annette Kögel

Sei sparsam, sei sensibel, sei Finanzsenator – das ist ein Dreiklang, den man auch dem Berliner Finanzsenator gerne zuschreiben würde. Doch mit seiner Äußerung über die fünf Euro Stundenlohn netto, die angeblich genügten, um in Berlin eine Existenz zu finanzieren, hat Thilo Sarrazin sämtliche Sympathiepunkte verspielt. Auch wenn viele Senator Sarrazin gerade dafür loben, dass er als Politiker klare Wort findet – mit diesem Satz beweist der Politiker, dass er mit dem Leben da draußen nicht mehr viel zu tun hat. So verhöhnt er die sich unter Wert verkaufenden Arbeitnehmer. Er stärkt auf Ausbeutung spekulierende Leiharbeitsfirmen und legitimiert ungerechte Billiglöhne. Und er agiert wie ein Trampel in der diffizilen Debatte um die Mindestlöhne. Da macht auch eine Entschuldigung nichts mehr gut. Zumal es nicht das erste oder zweite Mal war, dass Sarrazin mit seinen markigen Sprüchen für Aufregung gesorgt hat. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da einem Volksvertreter an entscheidender Stelle im Senat das nötige Fingerspitzengefühl fehlt. Der Mann ist nicht mehr tragbar, Thilo Sarrazin sollte seinen Posten räumen. Diese Äußerung hätte sich Sarrazin als Berlins Haushaltsfachmann schlichtweg sparen müssen. Annette Kögel

Ist er nicht herrlich, unser Thilo? Nein, im Ernst: Es spricht vieles für Thilo Sarrazin. Seine galligen Sprüche, dieser an Schopenhauer erinnernde Grunddefätismus, das ist wunderbar. Aus folgenden Gründen. Erstens: Er redet Klartext. Das ist sehr erholsam im Vergleich zu der Phrasendrescherei seiner Politikerkollegen. Zweitens: Er ist ein guter Finanzsenator. Das ist immer noch die Hauptsache. Bei dem Berliner Schuldenstand können wir keinen gebrauchen, der sich bei allen beliebt machen will. Drittens: Seine Sprüche sind nicht nur lustig und auch nicht nur unverschämt. Zum Beispiel der Satz über eine Fusion mit Brandenburg: „Das vereinte Land ist natürlich immer Berlin mit angeschlossener landwirtschaftlicher Fläche.“ Zuerst denkt man: Haha, witzig und zutreffend. Aber dann fallen einem die Brandenburger Städte ein, die Schlösser, die Ausflugsziele, die Alleen und Landschaften, der erbrachte Sanierungsaufwand. Mit einem Satz hat er einen zum Nachdenken angeregt, auch zur Diskussion. Eine ausgewogene Formulierung wie „Im Rahmen der Länderfusion könnten beide Partner sich ergänzen und von den Stärken des anderen profitieren“ hätte dies nicht bewirkt. Sarrazin sollte weitermachen wie bisher: Portemonnaie zu, Mund auf. Fatina Keilani

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben