PRO & Contra : Streit um Auszeichnung

Soll Eberhard Diepgen den Verdienstorden des Landes Berlin erhalten?

PRO


Keiner war länger im Amt als er. Fast 16 Jahre lang war Eberhard Diepgen Regierender Bürgermeister. Das soll kein Verdienstorden wert sein? Er hatte das historische Pech, nicht Regierender zu sein, als die Mauer fiel – und doch war er der Mann, der beide Hälften der zerrissenen Stadt auf den Weg der inneren Einheit brachte. Das war nicht wenig in einer Zeit der radikalen Umbrüche. Das musste gemeistert werden – vom Neuaufbau der im Osten verrotteten Infrastruktur, und der Neuordnung einer Stadt, in der es durch die Teilung alles doppelt gab: von Kliniken über den öffentlichen Dienst bis hin zu den Opern. Der Zusammenbruch der Industriebetriebe in beiden Stadthälften – im Osten waren sie marode, im Westen ohne Subventionen nicht mehr rentabel – kam hinzu. In dieser Zeit der übersteigerten Boom-Erwartungen einerseits und der Schicksale von hunderttausenden Menschen, die Job und Sicherheit verloren, war Diepgen der ehrliche Makler: nie glamourös, stets ein wenig steif, aber immer berechenbar. Damit hat er sich eine unglaubliche Popularität in beiden Stadthälften Berlins erworben. Ja, die schnelle Angleichung der Einkommen im öffentlichen Dienst hat zur Verschuldung der Stadt beigetragen; für die Einheit aber war sie unverzichtbar. Und es war vor allem Diepgens Parteifreund Helmut Kohl, der durch den radikalen Entzug der Berlin-Hilfen die Stadt in die Schuldenfalle schlittern ließ. Gerd Nowakowski


Contra

Warum müssen Politiker einander eigentlich Orden umhängen? Schmälert das nicht eher den Wert der Auszeichnungen? Es gibt doch genug unabhängige Stiftungen, die das Wirken der Politiker genauso bedeutungsvoll würdigen können. Denn diese Ehrenrituale erwecken viel zu oft den Eindruck, Volksvertreter belobigten sich gegenseitig. Und dann heißt es dazu noch, wie jetzt bei der geplanten Verleihung des Verdienstordens an Eberhard Diepgen, die Ehrung werde im Namen des Landes Berlin und seiner Bürger vergeben. Die empfinden aber oft ganz anders. Bei vielen bleibt vor allem der Eindruck hängen, man müsse nur lange genug im Amt bleiben, dann folge die Ehrung zwangsläufig. 16 Jahre lang die Geschicke der Stadt zu leiten, so, wie es Eberhard Diepgen getan hat, ist zweifelsohne allein vom Zeitraum her beeindruckend und zeigt, wie er die politischen Machtstrukturen in Berlin im Griff hatte. Dass dies zum Besten der Stadt war, ist damit noch lange nicht gesagt. Darüber lässt sich nach wie vor trefflich streiten. Außerdem käme der Verdienstorden für Eberhard Diepgen zur Unzeit. Noch heute, sechs Jahre nach dem Auseinanderbrechen des letzten Diepgen-Senats und der großen Koalition, ist im kollektiven Gedächtnis der Stadt sehr präsent, was seinerzeit damit zusammenhing: dubiose Spenden und ein Bankenskandal, dessen Folgen die Stadt noch heute zu tragen hat. Die Erinnerung daran ist weiterhin bitter. Sigrid Kneist

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