Pro & Contra : Tempelhof? Geht immer

Stillende Abgeordnete, bezahlte Mütter und sesshafte Eisbären – das Pro & Contra zeigt, was unsere Leser bewegt. Ein Blick aufs Jahr 2009.

Stefan Jacobs
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ddp

… und immer an den Leser denken.“ Mit diesen Worten endet der ungeschriebene Paragraph 1 des Zeitungsmachens. Zu diesem Grundsatz gehört allerdings die Fußnote, dass der Leser schwer ergründlich ist. Um einen Eindruck zu gewinnen, was unsere Leserinnen und Leser umtreibt, debattieren wir seit etwa 15 Jahren an jedem Sonntag in unserem „Pro & Contra“ ein kontroverses Thema. Im Rückblick auf das Jahr bedeutet das: 52 Fragen, 104 gedruckte Meinungen und viele tausend Anrufe. Die sind nicht zwangsläufig repräsentativ, aber sie zeigen, was die Stadt im Jahr 2009 wie sehr bewegt hat.

Der verkaufsoffene Sonntag beispielsweise, der heute zum letzten Mal in diesem Jahr ansteht – und 2010 zumindest im Advent nicht mehr so selbstverständlich sein darf wie zurzeit. So hat es das Bundesverfassungsgericht kürzlich entschieden. Und viele können offenkundig gut damit leben. Die Frage, ob Berlin die verkaufsoffenen Sonntage braucht, endete bei der Telefonabstimmung mit einem 82-prozentigen Nein. Bei deutlich überdurchschnittlicher Beteiligung, wohlgemerkt. Nur fünf Fragen weckten noch mehr Interesse. Zwei dieser Quotenbringer zeigten zugleich, dass es noch immer so etwas wie „die West-Berliner Seele“ geben muss. Ein Gefühl für, nun ja, lokale Kulturgüter, die es zu bewahren gilt: „Soll Knut in den Tierpark Friedrichsfelde übersiedeln?“, fragten wir im Juli. 89 Prozent waren dagegen. Nur eine Woche zuvor: „Sollen Spielhallen in den Bahnhof Zoo einziehen?“ Das 99-prozentige Nein auf diese Frage war zugleich das klarste Resultat des ganzen Jahres. Und es war ein Wunsch, der in Erfüllung ging: Die Bahn zog die Pläne zurück. Ach ja, was Knut betrifft: Auch er bleibt nach allem, was man zurzeit weiß, im Zoo, der ihn inzwischen gekauft hat und ihm ein neues Gehege spendieren will. Am besten eins mit eingebauter Eisbärenwaschanlage; die Frage danach wäre vielleicht im Laufe des nächsten Jahres zu stellen. Fehlt nur noch die, pardon, „Mutter aller Flughäfen“: 84 Prozent wollen keine Landesbibliothek in Tempelhof (und dort auch sonst eher selten Neues).

Weniger Lokalkolorit, aber noch mehr Aufregerpotenzial steckte in der Frage nach dem Nutzen des Betreuungsgeldes, mit dem die CSU gern Bayerns Müttern helfen würde, während in Berlin selbst CDU-Politiker fürchten, dass eine Prämie fürs Zuhausebleiben gerade jene Kinder von der Kita fernhält, die sie am Allernötigsten hätten. Das sahen auch 93 Prozent der Anrufer so. Und stärkten damit auch dem Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) den Rücken, der sich für seine scharfe Kritik an dem schwarz-gelben Projekt sogar eine Strafanzeige wegen angeblicher Volksverhetzung einhandelte. Das Ermittlungsverfahren wurde schnell wieder eingestellt, weil die Staatsanwälte den Vorwurf offenkundig unbegründet fanden.

Ein anderer dringender Wunsch unserer Anrufer geht vorerst nicht in Erfüllung: Die 95 Prozent, die gern ein Alkoholverbot in Bussen und Bahnen hätten, müssen vorerst damit leben, dass das Thema bei Bahn und BVG nicht auf der Tagesordnung steht. Streng waren die Anrufer auch bei einem anderen Thema, das im weitesten Sinne mit Getränken zu tun hat: Nur zehn Prozent fanden es richtig, dass Abgeordnete ihre Babys mit in den Plenarsaal bringen. Anlass dieser Frage war ein von Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) erteilter Platzverweis für eine Abgeordnete, die in der ersten Reihe ihr Baby stillte.

Noch weniger als das Baby im Plenarsaal gönnten die Anrufer den Abgeordneten die kürzlich beschlossene Diätenerhöhung: Nicht einmal acht Prozent stimmten dafür, dass die sogenannten „Teilzeitparlamentarier“, die überwiegend mindestens 40 Stunden pro Woche in ihrem Job als Volksvertreter zu tun haben, vom kommenden Jahr an 9,5 Prozent mehr Geld erhalten sollen, also gut 3200 Euro. Trost für die Abgeordneten: Da sie selbst über die Frage abstimmen durften, kam die erforderliche Mehrheit im Parlament locker zustande. Und bei der Abstimmung auf www.tagesspiegel.de sind die Meinungsverhältnisse nicht ganz so eindeutig wie bei den Anrufern. Ein Phänomen übrigens: Die Online-Ergebnisse unterscheiden sich oft deutlich von denen der telefonischen Befragung. Aber bisher ist keine Tendenz erkennbar, aus der sich auf typische Unterschiede zwischen den Lesern im Internet und jenen des gedruckten Tagesspiegels schließen ließe.

Was bleibt, ist die Kür der Gewinnerfrage 2009. Sie lautet: „Sollen Schulen Orte des Gebets einrichten?“ und animierte mehr Leser zum Anrufen als jede andere. Mit klarem Ausgang: Nicht einmal drei Prozent stimmten dafür, Schülern einen Platz zum Beten einzurichten.

Damit hat eine reine Sachfrage gewonnen. In den Vorjahren waren nämlich kantige beziehungsweise gewichtige Männer die Quotenkönige: Hartmut Mehdorn (Hauptbahnhofdach), Bernhard Blaszkiewitz (Zoo- und Knut-Betreuung) sowie Thilo Sarrazin (Verschiedenes).

Wo Licht ist, ist auch Schatten, und wo so viele interessante Fragen sind, kommt auch mal eine langweilige vor: Ob es verbilligte Eintrittskarten geben soll, damit bei der Leichtathletik-WM die Stadien voll werden, trieb nur ein paar Dutzend Leser ans Telefon. Das würde Sarrazin wohl schaffen, ohne irgendwas zu sagen.

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