Pro & Contra : Weg von der Flasche

Die CDU will das Trinken in der Öffentlichkeit verbieten, andere deutsche Städte machen es schon vor. Ein Pro & Contra

Rita Nikolow

Etwa 700 betrunkene Kinder und Jugendliche hat Berlins Polizei seit vergangenem April registriert, fast täglich werden neue Fälle bekannt. In der Nacht zu Sonnabend, das meldete die Polizei gestern, wurden zwei 13-jährige Mädchen hilflos an einer BVG-Haltestelle aufgegriffen. Die, die noch sprechen konnte, berichtete von einer gemeinsam konsumierten Flasche Wodka. Die andere wurde ins Krankenhaus gebracht.

Um den steigenden Alkoholmissbrauch von jungen Leuten einzudämmen, fordert CDU-Innenexperte Frank Henkel ein „generelles Alkoholverbot auf Straßen, Plätzen und im öffentlichen Nahverkehr“. Ein Vorschlag, den SPD-Fraktionschef Michael Müller ablehnt: Ein Verbot würde keine Probleme lösen. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) lehnt zusätzliche Verbote ebenfalls ab. Auch die Grünen und die FDP im Abgeordnetenhaus sind gegen ein Trinkverbot. Die Betroffenen „aus der Öffentlichkeit in private Räume zu drängen“, verschiebe das Problem lediglich, glaubt die jugendpolitische Grünen-Sprecherin Clara Herrmann. Auch Kai Gersch, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP, ist gegen einen „neuen Verbotswahn“. Der Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Bodo Pfalzgraf, fordert dagegen „ein politisches Signal“ für ein „Trinkverbot im öffentlichen Raum“.

Erfahrung mit einem Alkoholverbot in der Öffentlichkeit gesammelt haben die Schweden. Bis 1997 war das Trinken auf Straßen und Plätzen dort generell verboten. Seit Ende der neunziger Jahre dürfen die Kommunen räumlich begrenzte Alkoholverbote aussprechen. In Stockholm zum Beispiel ist auf mehr als hundert öffentlichen Plätzen und in Parks das Trinken von Spirituosen tabu – entweder rund um die Uhr, oder zu bestimmten Uhrzeiten. Wer trotzdem mit Alkohol erwischt wird, muss 400 Kronen Strafe bezahlen. Das sind mehr als 40 Euro. Die schwedische Polizei hat positive Erfahrungen gemacht: „Uns hat das Verbot die Arbeit erleichtert“, berichtet der Stockholmer Polizist Stefan Roos in der Tageszeitung Dagens Nyheter. Durch das Verbot habe die Zahl betrunkener Jugendlicher abgenommen.

Auf drei zentrumsnahen Plätzen hat die brandenburgische Kleinstadt Premnitz im vergangenen November ein Alkoholverbot eingeführt. „Belästigungen, Gewalttätigkeiten und Sachbeschädigungen sind seitdem spürbar zurückgegangen“, sagt Bürgermeister Roy Wallenta.

Seit Dezember verbietet die Stadt Marburg das Trinken von Alkohol, in einem relativ kleinen Abschnitt in Innenstadtnähe. Allerdings nur zwischen 18 Uhr abends und sechs Uhr morgens. „Bis jetzt wird das Alkoholverbot erstaunlich gut eingehalten“, sagt Dieter Oberländer vom Ordnungsamt Marburg. Wer mit Alkohol erwischt wird, erhält einen Platzverweis, der Alkohol wird beschlagnahmt und vernichtet. Das Trinkverbot gilt bis Ende April. „Dann würden wir es gerne aufheben“, meint Oberländer.

Seit Anfang Januar ist auch im „Bermudadreieck“ in Freiburg, einem Innenstadtbereich mit vielen Bars, das Alkoholtrinken unter freiem Himmel verboten. „Die Kollegen erzählen, dass das Klima seit einigen Wochen weniger aggressiv ist“, sagt Polizeisprecher Ulrich Brecht. Schlägereien kämen so gut wie gar nicht mehr vor. Das Verbot im badischen Freiburg gilt vorerst bis Ende Juli. Dann sollen die Erfahrungen ausgewertet werden.

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