Berlin : PRO & Contra

Stefan Jacobs

Ein Dieselfilter kostet mindestens 600 Euro, ein Katalysator ist kaum billiger, und in Kraftwerken ist die Abgasreinigung aufwendiger als die Energiegewinnung selbst. All das müssen wir uns leisten, weil wir uns sonst vergiften würden. Die Großstadt allein, ohne Natur, ist zum Überleben leider nicht geeignet. Städte, die sich „lebenswert“ nennen, sind immer grüne Städte, nie Betonwüsten. Das gilt übrigens weltweit.

Wer jetzt „New York“ sagt, bedenke: Auch die Extremstadt Manhattan wäre ohne Meer ringsherum nicht zum Aushalten. Im Sommer würde sie glühen und im Winter an ihrem Dreck ersticken. Was dort das Wasser ist, sind hier die Kleingärten: Ein Glücksfall fürs Stadtklima, der nicht den Baulöwen geopfert gehört. Platzmangel herrscht ja nun weiß Gott nicht, wie an Brachen allenthalben zu sehen ist. Bisher ließ sich ja auch noch jeder Discounter unterbringen – inklusive großem Parkplatz.

Womit wir beim zweiten, ebenso wichtigen Punkt wären, nämlich den Rückzugsgebieten für die Menschen. Die Großstadt Berlin kommt auch deshalb so gut ohne achtspurige Ausfallstraßen aus, weil nicht alle Welt bei schönem Wetter mit dem Auto ins weit entfernte Grüne flüchten muss. Wie gut die Scholle in Reichweite dem Menschen tut, zeigt die rege Nachfrage von Familien nach Kleingärten. Und wer als Kind gelernt hat, dass Erdbeeren & Co. nicht in Plastikschalen wachsen, betoniert später ohne Not keine Gärten zu. Stefan Jacobs

Vorne der Ku’damm und hinten die Idylle, so lästerte sinngemäß einst Kurt Tucholsky über die Neigung der Berliner, einerseits immer mittendrin sein zu wollen, aber zugleich nah dran die Datsche zu haben, wo man die Seele baumeln lassen kann. Genau so anachronistisch muten in der Hauptstadt nun die Schrebergarten-Kolonien an. Sie finden sich im Stadtgebiet in bester Lage – zu finanziellen Konditionen, für die das Wort günstig noch stark untertrieben ist. Den Nutzern der Scholle ist das grüne Vergnügen durchaus zu gönnen; immerhin waren die Kleingärten gerade im Westteil der Stadt während der Mauerzeiten für Zehntausende die persönlichen Oasen der Freiheit. Einen Kleingarten zu besitzen, das bedeutete für die kleinbürgerliche Gesellschaft einen Volltreffer im Lotto, so spießig und nach einem strengen Ordnungsregime geregelt es da auch zugehen mochte. Vorbei. Heute sind die Kleingärten überflüssig, vor allem im Bereich des Innenstadtrings. Besucher aus London oder Paris können sich nicht genug wundern über diese Parzellen im Zentrum einer Metropole. Im offenen Berlin gibt es an den Rändern und im Umland genügend Platz für solche Datschen – jeder, der ein grünes Fleckchen haben will, kann dies auch finden. Einen Bestandschutz für die Kleingartenkolonien kann es deshalb nicht geben; wo es das Wachstum der Stadt gebietet, müssen die Gärten weichen. Die grünste Hauptstadt Europas bleibt Berlin auch so – mit seinen Parks und hunderttausenden Straßenbäumen.Gerd Nowakowski

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