Berlin : Pro & Contra

Werner van Bebber

PRO



Diese Hauptstraßen-Straßenfeste haben etwas Deprimierendes: Sie erinnern uns, die wir am Wochenende Erholung und Entspannung suchen, an die furchtbaren Folgen der Globalisierung. Ob in Wedding oder in Neukölln - die Riesenfeste sind überall gleich. Überall gibt es Dutzende von Ständen, an denen vor allem Stringtangas angeboten werden, daneben Thüringer Bratwurst, die nicht aus Thüringen stammt, und China-Pfanne aus heimischer Produktion: Globalisierung, Gleichmacherei, Pommes rot-weiß, Einebnung aller Unterschiede, wohin man sieht und schmeckt. Das ist für Weddinger oder Neuköllner, die durch so ein Fest ein bisschen Bezirksgefühl entwickeln sollen, eine Zumutung und nur durch Direkteinspritzung größerer Mengen von „Berliner Kindl“ zu ertragen. Und so ist die Atmosphäre bei diesen Festen. Hier wird eine gleichmacherisch-globalistische Bedröhnungskultur gepflegt, der sich vermutlich nicht mal die Verkäufer der lila- oder silberfarbenen Schlüpfer aussetzen würden, müssten sie nicht auf diesen Großveranstaltungen wochenendweise ihren Lebensunterhalt erwirtschaften. Nichts gegen Kiezfeste, die ihren eigenen Stil haben; nichts gegen die dann notwendigen und sinnvollen Straßensperrungen: Das alles soll sein. Aber die röhrende, senfige Müllerstraße und andere Veranstaltungen dieser Art sind überflüssig. Werner van Bebber

CONTRA

Nichts gegen Bezirksbürgermeister mit Sendungsbewusstsein. Aber darüber zu richten, welche Straßenfeste zu „den Dingen gehören, die die Welt nicht wirklich braucht“, ist anmaßend und bequem. Anmaßend, weil es Bürger und Organisatoren entmündigt: Feste, die niemandem gefallen und keinen anlocken, verschwinden von ganz allein. Bequem, weil es auch weniger drastische Möglichkeiten für die Ämter gibt, negative Begleiterscheinungen zu mindern. Und weil es die Mitverantwortung der Bezirke für die austauschbar gewordenen Feste ausblendet: Wenn sich kleinere, weil kreativere Händler die hohen Gebühren nicht mehr leisten können, bleibt eben nur Masse statt Klasse. Dies dann damit zu beheben, dass man die in Deutschland ausgebrochene Verbotsorgie zum Exzess treibt, verkennt eine schlichte Wahrheit: Der eine mag Blasmusik, für den anderen ist alles außer Klassik pure Qual. Manchem schmeckt die Rostbratwurst, manchem nur das Feinschmeckermenü. Und es kann sogar sein, dass jemand von einer Kleinkunstdarbietung tief berührt ist, während ein anderer naserümpfend von „totalem Kitsch“ spricht. Aber wahrscheinlich ist das Verbot ja nur eine geschickte Provokation, um so eine Art „Ekelfest-Liste“ anzuschieben. Der sonst so kluge Heinz Buschkowsky weiß genau, dass es noch keiner auf Dauer geschafft hat, dem Volk das Feiern nach seiner Fasson zu verbieten. Sandra Dassler

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