Berlin : Pro & Contra

Gerd Nowakowski

PRO



Wer Autobahnen baut, schafft damit erst den Verkehr, sagen Kritiker. Zumindest für Berlin stimmt das nicht. Hier hat in den vergangenen Jahren die Zahl der Autos abgenommen, trotz Verlängerung der Autobahn nach Neukölln und des Anschlusses nach Schönefeld. Dafür gibt es mehr BVG-Nutzer und Radler. Das ist gut so. Wer aber Auto fahren muss, der soll die Wohngebiete möglichst wenig belasten. Wie sehr die vorhandene Stadtautobahn die Innenstadt entlastet, ist immer dann zu spüren, wenn diese gesperrt ist – ruckzuck ist das gesamte Zentrum dicht.

20 Jahre nach der Wende fehlt immer noch eine schnelle Verbindung in die östliche Stadthälfte; Ost-Berliner kommen auch schlechter zum Großflughafen in Schönefeld. Die A100 bündelt den vorhandenen Verkehr und reduziert Umweltbelastungen. Statt durch lärm- und staubbelastete Wohnstraßen fahren Autos auf einer Trasse, von der nur wenige Menschen etwas spüren werden: Von den 3300 Metern verlaufen 400 Meter durch einen Tunnel, weitere 2,3 Kilometer in einem lärmgedämmten Trog. Wer gegen den Weiterbau der A 100 ist, der mutet den Neuköllnern weiter zu, dass sich der vorhandene Verkehr durch die kleinen Straßen quält, um ins östliche Zentrum, nach Friedrichshain oder Lichtenberg zu gelangen. Das mag das ökologische Gewissen beruhigen, sozial ist es nicht. Diese Menschen zu entlasten, ist es wert, ein paar Bäume zu fällen und einige, wenige Häuser abzureißen. Gerd Nowakowski


CONTRA

Die alte Stadtplanerweisheit „Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“, hat sich noch immer bestätigt. Zuletzt an der – zweifellos sinnvollen – Verbindung der Stadtautobahn nach Schönefeld. Die Strecke ist so beliebt, dass morgens im Berufsverkehr mindestens einmal pro Woche der Britzer Tunnel wegen Überfüllung gesperrt werden muss. Würde die A 100 nach Treptow verlängert, müssten sich in diesen überfüllten Tunnel die Autos von weiteren drei Spuren einfädeln. Nachmittags rollt die Lawine dann zurück, um sich am Treptower Park auf die ebenfalls schon jetzt verstopfte Elsenbrücke und Richtung Schlesisches Tor zu drängeln. Solche Verkehrsplanung ist keinen Pfifferling wert, geschweige denn 420 Millionen Euro. Und behaupte niemand, dass das Provisorium jemals zu einem echten Stadtring wachsen oder auch nur bis zur Landsberger Allee verlängert werde. Dafür müssten halbe Kieze planiert und Friedrichshain untertunnelt werden. Denn der für den aktuellen Stummel geplante „Trog“ (wer dessen Reiz erleben will, kann ihn bereits jetzt nördlich des Dreiecks Funkturm erfahren) ist dort nicht machbar. Aber das ist ohnehin Theorie, denn die Milliarden dafür werden auf Jahrzehnte nicht zur Verfügung stehen.

Abgesehen davon wäre es im armen Berlin, wo jeder zweite Haushalt ohne Auto funktioniert, höchst ungerecht, den anderen 50 Prozent ein so teures Geschenk zu machen. Stefan Jacobs

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