Berlin : Pro & Contra

A. Sauerbrey,W. van Bebber

Pro



Der Sonntagskampf der christlichen Kirchen ist anachronistisch. Denn die Frage, ob verkaufsoffene Sonntage gebraucht werden, hat die Marktwirtschaft längst beantwortet, mit „ja“. Gäbe es kein gesellschaftliches Bedürfnis danach, auch an Sonntagen einkaufen zu gehen, wären die geöffneten Läden einfach leer geblieben und der Einzelhandel hätte auf die rechtlichen Möglichkeiten aus ökonomischer Raison wieder verzichtet. Dass dem nicht so ist, weiß jeder, der schon einmal im vorweihnachtlichen Sonntagsgedränge ein Geschenk besorgt hat.

Die Gründe für dieses Bedürfnis liegen auf der Hand. Längst ist die 24-Stunden / 7-Tage-Gesellschaft Realität, gerade in der Dienstleistungsstadt Berlin. Die modernen Arbeitszeiten erlauben vielen das Einkaufen überhaupt nur spät abends oder an Wochenenden. Gleichzeitig ist der besondere Schutzanspruch des Sonntags ausgehöhlt. Als Tag der Religionsausübung hat er in der areligiösen Berliner Multi-Kulti-Gesellschaft seine Bedeutung verloren. Die Vater-Mutter-Kind- Gruppe, die sich einst andächtig um den Sonntagsbraten versammelte, ist ebenfalls beinahe Geschichte. Dass der Sonntag als zentraler, verordneter Ruhetag möglicherweise nicht mehr zeitgemäß ist, zeigt auch der Ursprung des Grundgesetzartikels, auf den sich die Kirchen berufen: Er stammt aus der Weimarer Verfassung von 1919. Anna Sauerbrey

Contra

Die Sonntags-Shopperei ist überflüssig. Wer in Berlin und Umgebung einkaufen will, hat dazu an sechs Tagen in der Woche zwischen sieben und 22 Uhr Gelegenheit. Wer den Sechserpack Kindl oder Red Bull vergessen hat, kann in Spätverkaufsläden oder an Tankstellen nachrüsten. Und dann endlich kann man sich auf einen Tag einlassen, der anders abläuft als der Rest der Woche. Das nämlich ist es, was die Mehrheit der Leute will, wenn man sie nach ihren Alltagsgefühlen fragt: Freizeit, Freiheit, Möglichkeiten, mit der Familie und/oder Freunden Zeit zu verbringen. Keiner sagt, dass er shoppen will – und wer es will, ohne es zuzugeben, hat im Internet alle Möglichkeiten, sich an den Rand seines Dispo-Kredits und darüber hinaus zu shoppen.

Dass so viele Leute nichts weniger wollen als einen Tag, an dem sie sozusagen ihren Haushalt durch Einkaufen aufrüsten, ist kein Wunder: Viele Leute arbeiten viel, kümmern sich außerdem um andere, um ihre Kinder oder Eltern – und wollen einfach mal ein bisschen Zeit haben. Dieses bisschen Zeit fühlt sich viel besser an, wenn draußen weniger Betrieb ist. Deshalb ehrt es die Kirchen, dass sie den Sonntag auf dem Gerichtsweg hochhalten – auch wenn die Gottesdienste dadurch nicht voller werden. Wer am Sonntag in die Kirche geht, dem sind geöffnete Kaufhäuser ohnehin gleich. Werner van Bebber

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