Berlin : Pro & Contra

Christoph Stollowsky

PRO


Bis zu 50 Cent kostet die Viertelstunde Parken in der City. Das ist mächtig teuer, man zahlt zähneknirschend. Wenn aber nun viele Pendler wegen des S-Bahn-Ausfalles auf ihr Auto umsteigen müssen und schon deshalb mehr Spritkosten haben, sollte man sie wenigstens beim Parken entlasten – und nicht zusätzlich finanziell benachteiligen. Das wäre unfair.

Berlins Bezirke haben die Zugausfälle zwar nicht verschuldet, Großzügigkeit ist aber ein Gebot der Stunde. Jetzt ist die Chance da, die vielgerühmten Qualitäten der Hauptstädter in der Praxis zu beweisen – sprich Flexibilität und solidarisches Zusammenstehen in schwierigen Situationen. Messen wir die Bezirke daran. Deshalb der Appell: Gebt Euren Politessen andere Aufgaben, solange die S-Bahn derart massiv ausfällt, zum Beispiel in den Berliner Parks, wo viel öfter mal nach dem Rechten geschaut werden sollte.

Auch der verbesserte BVG-Service und die Sonderzüge der Bahn können die Folgen des S-Bahn-Chaos nur unzureichend wettmachen. Wer dagegen hält, vorübergehendes Gratisparken verstärke doch nur den unerwünschten Autoverkehr, argumentiert mit ideologischen Scheuklappen. Und der Einnahmeverlust der Bezirke? Der wird sie nicht allzu sehr beuteln. Die Bezirke könnten Ausfälle vom Land zurückfordern. Und zwar aus den zweistelligen Millionensummen, die Berlins Senat schon dieses Jahr bei den S-Bahn-Zuschüssen streichen will. Christoph Stollowsky


CONTRA

Ginge es nach dem ADAC, müsste das Grundgesetz umgeschrieben werden, Autofahren wäre ein Menschenrecht. Zum Glück geht es aber nicht immer nach der Autolobby, auch nicht in Zeiten eingeschränkten S-Bahn- Verkehrs. Die Forderung nach Gratisparken in der Innenstadt führt in die Irre: Es gibt auch mit den ab Montag weiter reduzierten S-Bahn-Fahrplänen genug Wege, in und durch die Stadt zu kommen, ohne dass man sich in die umweltfeindliche, unwirtschaftliche und das Stadtbild verschandelnde Blechkiste setzen muss. Natürlich, bei BVG und S-Bahn sind Verzögerungen zu erwarten – aber es gibt andere Möglichkeiten, damit umzugehen, als massenhaft aufs Auto umzusteigen.

So wäre jetzt für viele Menschen eine gute Zeit, sich daran zu erinnern, dass sie zwei Beine haben: Die meisten Autofahrer, das zeigen die Statistiken, legen bei privaten Fahrten in Berlin Strecken von wenigen Kilometern zurück. Die sind ohne Probleme auch ohne Auto zu bewältigen. Und auch die meisten Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs, so steht es im Mobilitätsbericht des Senats, fahren mit S- oder U-Bahn kurze Strecken bis zehn Kilometer – mit dem Fahrrad ist das in weniger als einer halben Stunde zu schaffen. Wer in der Innenstadt privat mit dem Auto umherfährt, der gönnt sich ein Vergnügen mit hohen sozialen Folgekosten – Luftverschmutzung, Unfälle, chronisch verstopfte Straßen. Dieser Luxus hat eben auch in Zeiten des angespannten Nahverkehrs seinen Preis. Lars von Törne

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