Berlin : PRO & Contra

Lars von Törne,Bernd Matthies

PRO



Wahlkampf soll die Bürger nicht nur informieren und beeinflussen. Er hat auch ein grundlegenderes Ziel: die Aufmerksamkeit der Wähler für den bevorstehenden Legitimationsakt der Demokratie zu wecken. Wird dafür nackte Haut eingesetzt, ist das eine Gratwanderung: Wenn der Bürger nicht mehr als mündiger Souverän angesprochen wird, sondern als unpolitischer Konsument, dann läuft das demokratischen Idealen zuwider. Aber die beiden Wahlkämpferinnen, deren Haut jetzt zur Debatte steht, belassen es ja nicht bei dem Spiel mit der Nacktheit: Sie machen neugierig auf die Person und die Inhalte hinter dem Dekolleté und dem unbedeckten Rücken. Mit Erfolg: Die Website von Vera Lengsfeld, auf der es viel Inhaltliches zu lesen gibt, wird so oft besucht wie nie zuvor. Und auch die Linke Halina Wawzyniak wird öfter nach Inhalten gefragt als vor Bekanntwerden ihres Plakats. Da kann sich jeder davon überzeugen, dass sie mehr zu bieten hat als einen hübschen Rücken. Lengsfeld stellt mit Bezug auf internationale Reaktionen auf ihr Poster fest: „Andere Länder nehmen Kenntnis davon, dass in Deutschland eine Bundestagswahl bevorsteht.“ Dies dürfte auch für manchen Berliner Wähler gelten, der jetzt anfängt, sich über den 27. September Gedanken zu machen. Damit haben Lengsfelds und Wawzyniaks Plakate der Demokratie einen guten Dienst erwiesen. Lars von Törne

CONTRA

Was wollen die Parteien uns mit ihren Wahlplakaten sagen? Genau betrachtet wohl nicht mehr als: Achtung, demnächst ist Wahl, vergesst das nicht, vergesst uns nicht. Substanzielle, detaillierte programmatische Aussagen auf Plakaten haben wenig Sinn, das ist unbestritten. Doch unsere Parteien betrachten diese Erkenntnis zunehmend überwiegend als Freibrief, ihre Werbefritzen nun allerhand Narreteien treiben zu lassen, von sinnentleerten Slogans über das Dekolleté der Kanzlerin bis zum nackten Hintern der Grünen in Kaarst. Man muss keine notorische Spaßbremse sein, um das verheerend zu finden. Denn welche Botschaft verbreiten die Nonsens-Plakate indirekt neben ihrer mehr oder weniger lustigen Primäraussage? Dass unsere Politiker weder ihre Wähler noch ihre Arbeit ernst nehmen. Es ist für den Wähler heute ohnehin schwer genug, die programmatischen Positionen der demokratischen Parteien auseinanderzuhalten, und viel zu viele sind längst zu den Nichtwählern abgetaucht, deren Leitmotto zum Beispiel lautet: „Ist doch alles ein und dieselbe Soße“. Sieht man sich die Wahlplakate der Parteien an, so bestätigen sie ungewollt genau diese für die Demokratie ziemlich verheerende Einschätzung. Und so leicht muss man es den Gegnern und Ignoranten dieses trotz allem gut funktionierenden Systems nun wirklich nicht machen. Bernd Matthies

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