Berlin : Pro & Contra

André Görke

Die Frage ist doch viel zu brav. Das Kulturforum soll nicht bebaut werden, es muss. Denn seien wir mal ehrlich: Katastrophaler kann ein innerstädtischer – ähm, ja, was eigentlich? – „Platz“ doch gar nicht werden. Auf der gewaltigen Fläche zwischen Philharmonie und Neuer Nationalgalerie könnte glatt eine Boeing 747 wenden, ohne mit den Flügeln irgendwo einen Kratzer zu hinterlassen. Im Winter zieht es gewaltig, im Sommer ist es staubig-heiß, in der Dunkelheit unheimlich und tagsüber versteht kein Mensch ein Wort, weil auf der Potsdamer Straße der Autoverkehr dröhnt. Dieses Forum, das niemand bestaunen kann, weil niemand es dort länger als fünf Minuten aushält, muss durch eine Neugestaltung gerettet werden.

So lange niemand die merkwürdig-markanten Gebäude abreißen will – so stumpf haben an dieser Stelle einst die Nazis gehandelt, als sie das Viertel für ihre Nord-Süd-Achse niederwalzten – , ist gegen eine Bebauung nichts einzuwenden. Es muss nicht gleich wieder ein Büroallzweckbau sein oder ein Protzgebäude mit Schlossfassade. Das Kulturforum, in dem Menschen Kultur bestaunen, genießen und darüber diskutieren wollen, würde profitieren, wenn bei den Planern einmal nicht das Gebäudeensemble im Vordergrund stehen würde, sondern der Mensch. Der wurde hier bei der Städtebauplanung in den vergangenen Jahrzehnten genauso übersehen wie die einsam herumstehende St. Matthäus-Kirche. André Görke

In Berlin entwickelt man gern hochfliegende Pläne – geradezu weltmeisterlich. Da soll mal eben das Gebiet um den Molkenmarkt umgekrempelt werden, das alte Marienviertel soll neu entstehen, der Humboldthafen umbaut und fast daneben an der Heidestraße ein völlig neues Stadtquartier errichtet werden. Und selbstverständlich gibt es auch für das Kulturforum einen „Masterplan“, der ebenfalls Neubauten vorsieht, die bisher kein Mensch dort braucht. Und wenn den Planern schon nichts Konkretes einfällt, dann faseln sie halt von Cafés und Restaurants, die dort entstehen sollen – neben den vorhanden am Potsdamer Platz.

Auch ein weiteres Kulturkaufhaus soll die zweifelsfrei vorhandene Öde auf dem Kulturforum beleben. Das Geld soll selbstverständlich von privaten Finanziers kommen. Toll! Dumm nur, dass das bisher fast nirgendwo in der Stadt so richtig klappt. Statt fürs Wolkenkuckucksheim zu planen, sollte man sich daran machen, das Kulturforum mit kleinen Mitteln attraktiver zu gestalten. Dazu gehören deutliche Hinweise bereits im Umfeld, die heute rar und oft auch gut versteckt sind.

Und warum gibt es an der Potsdamer Straße, die das Kulturforum, egal, wie dicht bebaut es sein würde, immer vom Potsdamer Platz trennen wird, keinen gestalteten Eingangsbereich – vielleicht tatsächlich mit einem hübschen Café? Jetzt steht dort eine schäbige Imbissbude als Entree für eine der besten Gemäldesammlungen der Welt. Weltmeisterlich ist das nicht. Klaus Kurpjuweit

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben