Berlin : PRO & Contra

Stefan Jacobs

Der Typ blockiert die letzten drei Sitzplätze im Waggon. Aber man lässt ihn, weil eine Bierflasche auf dem Kopf sicher ziemlich wehtut. Den besoffenen Mädels gegenüber läuft gerade ihr umgekipptes Mixgetränk ins Sitzpolster, aber man sagt lieber nichts, denn sie sind zu dritt und schon ziemlich weich in der Birne. Der Betrunkene pöbelt lautstark vor sich hin, aber man … Und so weiter. Jeder Stammkunde von BVG und S-Bahn erlebt solche Geschichten – und zwar öfter, als ihm lieb ist und keineswegs nur mitten in der Nacht oder nach Fußballspielen. Man leidet aus Gründen der eigenen Sicherheit lieber still – und fragt sich doch, ob das alles so sein muss. Klare Antwort: Nein. Die Diktatur durch solch ein Benehmen mag alltäglich sein, aber zulässig ist sie deshalb noch lange nicht. Es gibt nicht die geringste Notwendigkeit, in der Bahn Alkohol zu konsumieren, ausgenommen vielleicht die Einnahme von Hustensaft. Es gibt keinerlei gegensätzliche Interessen, die abzuwägen wären. Insofern liegt der Fall völlig anders als etwa der des Rauchverbots in Kneipen. Obdachlose Alkoholiker müssen im Winter nicht gleich hinausgeworfen werden, wenn sie niemanden belästigen. Aber die Bahn ist nicht primär die Rettungsinsel für Gestrandete, sondern das Mittel, das einen sicher von A nach B bringen soll – zum Preis von 72 Euro monatlich. Ein Teil davon geht übrigens zur Beseitigung alkoholbedingter Schäden drauf. Stefan Jacobs

Zugegeben: Betrunkene Fahrgäste in der S-Bahn oder im BVG-Bus nerven. Aber nur bei einem Bruchteil derjenigen, die dort Alkohol trinken, wirkt sich das auch negativ auf andere Fahrgäste aus. Ein vorzeitiges Feierabendbierchen auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, wer wollte dies verwehren? Und ohnehin: Alkohol an solchen Orten kann man zwar verbieten, Betrunkene aber noch lange nicht. Gegen sie wäre das Verbot von Alkoholkonsum allenfalls eine kosmetische Maßnahme. Einen schlechtgelaunten, gar krawallbereiten Betrunkenen hält das keineswegs davon ab, in die Bahn zu steigen und zu pöbeln, ob mit Flasche oder ohne. Genausowenig aber, wie das Zutrittsverbot betrunkener Fahrgäste machbar oder sinnvoll wäre, so wenig könnte man mit vertretbarem Aufwand das Verbot von Alkoholkonsum im öffentlichen Nahverkehr kontrollieren. Ein Promille-Wart in jedem Wagen? Personal kann man sinnvoller einsetzen. Das Verbot wäre also eine sinnlose Alltagsregel mehr. Demgegenüber allerdings steht das lockere, weltoffene Image der Stadt, das Besucher schätzen. Ein wenig Entspanntheit der Berliner wäre auch bei diesem Thema ratsam. Und amerikanische Zustände – das heimliche Saufen aus Flaschen, die durch Papiertüten nur notdürftig kaschiert sind – kann doch niemand ernsthaft anstreben. Patricia Hecht

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