Berlin : PRO & Contra

PRO



Der Gendarmenmarkt ist nicht irgendein Platz in Berlin. Er ist das vornehme Wohnzimmer der Stadt, kein totes Schmuckstück, sondern immer voller Leben. Also im besten Sinne barock. Der Gendarmenmarkt ist der Platz der Hauptstadt, einst vor den Toren Berlins gelegen, jetzt mittendrin. Ein Ort, der seit dem späten 17. Jahrhundert ständig in Bewegung, in Veränderung war. Erst Kirchhof und Marktplatz, dann architektonischer und gärtnerischer Schmuckplatz, die Nazis bauten ihn für ihre Aufmärsche um, 1945 wurden dort Kartoffeln angebaut, in den Sechzigern wurde begonnen, den Gendarmenmarkt zu rekonstruieren. Das hat eine Generation gedauert. Jetzt ist er wunderschön – aber längst nicht fertig, denn das war er nie. Jetzt zeigt sich, dass der Platz den Flaneuren, dem touristischen Massenansturm und den vielen Veranstaltungen nicht so richtig gewachsen ist. Er zeigt Abnutzungsspuren, der Straßenverkehr rückt ihm auf die Pelle, und selten hat man den freien Blick, den dieser Ort und seine einmalige Architektur verdient. An manchen Tagen wirkt der Platz wie ein Jahrmarkt oder eine Parkzone, das hat er nicht verdient und seine Bewunderer auch nicht. Es liegt also nahe, ein bisschen nachzuarbeiten. Schönheit währt nicht ewig, man muss sie pflegen. Das gilt auch für die Stadt und ihre charmantesten Teile. Ulrich Zawatka-Gerlach


CONTRA

Das ist doch nicht zu glauben. Da ist ein Ort in dieser Stadt nun wirklich traumhaft schön, beliebt bei Berlinern und Touristen und Filmemachern gleichermaßen. Und ausgerechnet diesen mediterranen Platz mit seinem historischen Charme will der Senat „attraktiver“ gestalten. Da stört angeblich der Kabelsalat der Restaurants am Boden. Soll der Gendarmenmarkt jetzt etwa so leer und kahl werden wie der Alexanderplatz? Das Kopfsteinpflaster und die Treppenstufen – angeblich alles Stolperfallen. Soll denn der Gendarmenmarkt so seelenlos gesandstrahlt werden wie das neue Spreeufer? Und nun sind angeblich auch noch die Baumwipfel zu tief ausgewachsen, sie stören den Blick auf den Französischen Dom. Klar, am besten gleich abholzen, damit die Sichtachse klinisch frei wird wie in der Friedrichstraße. Die Anwohner sollen mit einbezogen werden? Dann machen wir uns auf kräftezehrende, nicht enden wollende Diskussionen gefasst, die Energie und Geld kosten. Eine Million Euro soll investiert werden, heißt es. Und die Summen steigen erfahrungsgemäß immer noch nach oben. Andernorts wäre der Etat in bauliches Lifting besser investiert: Alex, Asphaltlöcher, Altbausanierung zum Klimaschutz. Das Vorhaben am Gendarmenmarkt wirkt wie ein lokales Konjunkturprogramm, nichts weiter. Nein, dieser Platz ist schön, wie er ist – schöner geht nicht. Annette Kögel

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