Berlin : Pro & Contra

Christoph Stollowsky

Wie sähe die Südostseite des Leipziger Platzes ohne das umstrittene Megaposter an dieser Stelle aus? Man würde auf eine vergammelte Brache blicken. Was hätten wir während der Sanierung des Charlottenburger Tores ab 2004 dort erblickt ohne die wohlgeformten Beine der Telekommunikations-Alice. Vermutlich eine flatterige, graue Bauplane riesigen Ausmaßes. Und an der Gedächtniskirche wäre ohne Claudia Schiffers turmhohe Kosmetikwerbung ein Baugerüst zu sehen gewesen. Sind solche Anblicke erstrebenswerter?

Nein. Da wirkt Berlin doch viel abwechslungs- und kontrastreicher, wenn die Lücken im Stadtbild oder große Baustellen mit Models, Postern oder traumhaften Reisezielen megamäßig verhüllt werden und man gespannt sein kann, welche Plakate hier oder dort überraschend neu auftauchen. Das passt ins Bild einer lebendigen Metropole. Es ist in London oder New York lange selbstverständlich. Die Debatte um die Megaposter mutet deshalb genau so provinziell an wie der Streit in der Kaiserzeit um den Vormarsch der Lichtreklame. Auch damals erregten sich Skeptiker über Berlins Verschandelung.

Bei aller Aufregung sollte man im Übrigen bedenken, dass Megaposter vorübergehende Erscheinungen sind. Und wenn dank der Plakate viel Geld für die Sanierung historischer Bauten in die Kasse kommt, ist das doch eine erfreuliche Art von Sponsoring. Christoph Stollowsky

Diese Stadt sieht so langsam aus wie ein Fußballertrikot: Werbung, wo es nur geht. Am Ernst-Reuter-Platz konnte man zeitweise den Eindruck haben, die Hochhäuser dort dienten nur als Plakathalter. Das Charlottenburger Tor existiert vermutlich als Denkmal gar nicht mehr, doch kaum einer merkt das – wegen der Großflächenplakate. Werbung gehört zur Stadt, aber es sollte ein paar Grenzen geben und etwas Stil. Bei dem, was man sich in Berlin optisch bieten lassen muss, kann von Grenzen so wenig die Rede sein wie von Stil.

Womöglich täuschen sich die Verkäufer der großen Werbeflächen, auf denen Mädels für Mobiltelefone werben, über den positiven Effekt dieser Werbung – das ist deren Sache. Dass nun aber auf dem Container des Baubüros eines öffentlichen Projektes geworben wird, setzt auf die gewohnten stilistischen Zumutungen noch eine drauf. Auf dem Schlossplatz soll ein Riesengebäude entstehen, das mit dem Geld der Steuerzahler bezahlt wird. Es soll öffentliche Kulturgüter enthalten. Es geht ausnahmsweise mal weniger um Kommerz.

Genau das ignorieren die Auftraggeber konsequent, wenn sie einen solchen zentralen Ort für Großwerbung nutzen – und deshalb sollten die Verantwortlichen für das Humboldt-Forum schnell dafür sorgen, dass die Werbung wegkommt. Sie hat an dieser Stelle nichts zu suchen. Werner van Bebber

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