Berlin : PRO & Contra

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Was haben Rotkäppchen, Onkel Tom und der Apostel Paulus gemeinsam? Ganz einfach: Mindestens eine Straße in Berlin trägt ihren Namen, obwohl ihre Verdienste für die Stadt oder die Gesellschaft in Expertenkreisen durchaus umstritten sind. Von Figuren wie Heinrich von Treitschke reden wir lieber gar nicht erst. Belassen wir es beim Blick auf den Stadtplan – und bei der Erkenntnis, dass Straßennamen ein weites Feld sind. Weit genug jedenfalls, um guten Gewissens Hatun Sürücü zu ehren. Dass sie den Mut hatte, sich den überkommenen Moralvorstellungen ihrer Familie zu widersetzen, ist allein schon Grund genug. Dass sie diesen Mut mit dem Leben bezahlt hat, macht ihren Fall auch für die Nachwelt bedeutsam. Jeder Mensch, der für seine Überzeugung oder seine Lebensweise umgebracht wurde, darf nicht vergessen werden, sondern muss eine Mahnung sein. Straßennamen sind nicht zu verwechseln mit Heldengedenken, sondern dienen dieser Erinnerung. Eine Hatun-Sürücü-Straße würde allein durch ihre Existenz immer wieder von Neuem die Frage aufwerfen, wer eigentlich Hatun Sürücü war. Die Problemlage, die dem Mord an der jungen Frau zugrunde lag, ist keineswegs von der Welt verschwunden, sondern eine lebensgefährliche Bedrohung für andere, die ebenfalls einfach nur in Freiheit leben wollen. Deshalb brauchen wir diese Straße. Stefan Jacobs

Hatun-Sürücü-Straße – das ist eine unpassende Form des Gedenkens. Der Name auf dem Straßenschild ist eine postume Ehrung für ein verdienstvolles Leben. Soll es ihr „Verdienst“ sein, dass Hatun Sürücü ermordet worden ist – auch wenn ihr Tod eine wichtige Diskussion befördert hat. Ohne Zweifel soll diese junge Frau im Gedächtnis der Öffentlichkeit fortleben: Weil sie es wagte, frei zu leben. Weil sie sich mutig gegen Konventionen aufgelehnt hat, von denen sie sich offenbar erdrückt fühlte. Weil sie ihrem kleinen Sohn ein freies Leben ermöglichen wollte, statt ihn den archaischen Vorstellungen ihrer Familie zu opfern. Das Erinnern des Falles Sürücü bedeutet, an die Mühe zu denken, die es ihr machen musste, sich außerhalb familiärer Zusammenhänge zu orientieren. Und an Freude an der Freiheit, an Traurigkeit über den Groll, den sie seitens ihrer Brüder und ihrer Eltern gespürt haben muss.

Man denkt womöglich daran, wie dringend notwendig es in diesem Land war, über „Ehrenmorde“ zu diskutieren – und dass Hatun Sürücü nicht die einzige Frau war, die aus Gründen der Familienehre ermordet worden ist. Das alles soll erinnert werden: durch Blumen, die jemand auf ihr Grab oder auf den Boden vor dem Gedenkstein an der Oberlandstraße legt, auch durch Worte, die Politiker jahrestagsgemäß sagen, durch das Erzählen ihrer Geschichte. Das ist zu viel für ein Straßenschild. Werner van Bebber

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