Berlin : PRO & Contra

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Beim Kölner Dom hat es nach der Grundsteinlegung 1248 über 600 Jahre gedauert, bis er fertig gebaut war. So kann man es natürlich auch mit dem Berliner Stadtschloss halten. Erst skizzieren wir architektonisch den Grundriss, ohne barocke Kuppel und Fassade. Je nach Finanzlage wird im Laufe der Jahrzehnte (Jahrhunderte?) das eine oder andere angebaut. Angesichts des Schuldenbergs der Republik ist absehbar, dass dies ein Projekt mit Ewigkeitswert wird. Irgendwie reizvoll, der Gedanke, aber nicht im Sinne des Erfinders. Der Wille des Bundestags war eindeutig, das Stadtschloss in historischer Form, wenn auch nicht originalgetreu wiederaufzubauen. Ein Neubau war eben nicht gewollt, und deshalb macht sich der Bund nicht nur unglaubwürdig, sondern auch lächerlich, im Herzen der Republik einen Kasten hinzusetzen, in dem das Alte nicht erkennbar wird, der aber auch nichts wirklich Neues ist. Die Kuppel war, da helfen keine Ausflüchte, das Wahrzeichen des Schlosses, ein Kernbestandteil seiner Architektur. Das kann man nicht weglassen oder durch einen Billigersatz andeuten. Das wäre genauso peinlich, wie nach vielen Jahren international beachteter Planungen für die Mitte der Hauptstadt aus finanziellen Gründen den Rollrasen liegen zu lassen. Wahrhaftig ein Armutszeugnis. Ulrich Zawatka-Gerlach

Nein, es ist kein Geld für die Kuppel da. Gewiss, in das Budget wurden ein paar Milliönchen eingestellt. Aber die reichen nur für eine Kuppel „light“. Das ist so geschmacklos wie entrahmter Joghurt mit Kunstaroma und Süßstoff. Die Planer sagen es so: „Im Budget ist eine vereinfachte Kuppel enthalten, die die Umrisse der historischen Kuppel nachvollzieht.“ Wir werden also nachvollziehen können, wie eine Kuppel wäre, wenn man sie gebaut hätte. Virtuos virtuell, könnte man höhnen, wenn die Sache nicht so ernst wäre. Denn eines ist klar: Wenn der Beton-Ornat ohne Ornamente erst mal draufsitzt, dann wird ihn niemand mehr abreißen. Die Schlossgegner würden dann triumphieren über den Anblick im Herzen der Stadt. Also bitte: Baut das Schloss oben ohne! Denn die Blöße, die sich Bund und Länder damit geben, würde den Druck auf die Spendenbereitschaft erhöhen. Sehr bald wäre dann das Geld da für ein würdiges, ein vollständiges Schloss mit historischer Kuppel. Technisch ist ein Schloss-Bau in Etappen kein Problem. Warum also nicht die Vollendung des Werks künftigen Generationen überlassen? „Die Unvollendete“ ist schließlich auch nur deshalb so großartig, weil Franz Schubert sie von Anfang an groß dachte. Aber im Gegensatz zu der Sinfonie ließe sich das unvollendete Schloss vollenden. Ralf Schönball

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