Berlin : PRO & Contra

Die zwei Jahrzehnte seit der Wende sind verflogen. Nicht aber die Erinnerung an die Zeit, in der ich als Westberlinerin mit der Mauer lebte. In Rudow sind wir als Kinder oft auf die Aussichtstürme an der Mauer hoch, haben rübergewunken und waren stolz, wenn wir den Grenzern ein Lächeln entlockten. Die saßen meist todernst mit ihren Ferngläsern da oder standen mit Gewehren am Todesstreifen, die Wachhunde bellten. Die Grenze, das war nicht nur eine bunte Mauer, sondern ein bedrohlicher Hochsicherheitsbereich mit Erdminen und Selbstschussanlagen, der die „Ostler“ menschenunwürdig in ihrer Freiheit beschnitt. All das ist heute für viele nur Legende, und das muss sich ändern. Berlin-Touristen und die Erwachsenen von morgen müssen zumindest ansatzweise nachempfinden können, was die Grenze bedeutete. Das funktioniert nicht im zusammengewürfelten Mauermuseum, nicht am Kreativkunstwerk Eastside-Galery – alles „Mauer light“. Die Gedenkstätte Bernauer Straße kann noch authentischer werden, und deshalb muss ein Teil des Mauerstreifens originalgetreu wiederaufgebaut werden. Viele Menschen wie Bundestagspräsident Norbert Lammert haben bedauert, dass vom „antifaschistischen Schutzwall“ nichts fürs Gedenken übrigblieb. Nun bietet sich die Chance, den Fehler wiedergutzumachen – und zu zeigen, wie die DDR ihre Menschen früher einsperrte. Annette Kögel

Authentisch ist das, was da ist. Ein Lückenschluss an der Bernauer Straße, selbst durch echte Mauerreste, ist ein Nachbau und damit nicht authentisch. Noch schlimmer wäre das, was offenbar hinter dieser Debatte steckt: die Bemühungen um einen Nachbau der Mauer, inklusive Wachturm und Postenweg. Das wäre ein Disneyland des Kalten Krieges, mitten in Berlin.

Wer glaubt ernsthaft, dass die fehlenden 19 Meter Beton an der Bernauer Straße eine so große Lücke im Vorstellungsvermögen der interessierten Gedenkstättenbesucher hinterlassen, als dass sie das Unmenschliche dieser Situation und der Teilung der Stadt nicht erfahren könnten? Die ganze Dramatik an der Bernauer Straße symbolisierte darüber hinaus nicht nur die Mauer, sondern vor allem die zahlreichen Fluchtversuche, die ihr vorangingen. Wer ist nicht schockiert angesichts der Bilder von verzweifelten Familien, die sich aus den Häusern auf der Ostseite abseilten, um in die Sprungtücher der Feuerwehr im Westteil in die Freiheit zu springen? Diese Bilder ersetzt auch ein Lückenschluss nicht.

Was das 19-Meter-Loch auch zeigt, ist der Umgang mit dem verhassten Bauwerk nach seinem Fall im Jahr 1989. Die Berliner rissen die Mauer nieder, zu hunderttausenden, als Mauerspechte. Oder als Vertreter der Sophiengemeinde. Die Erinnerung daran ist ebenso historisch – und authentisch. Matthias Oloew

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