Berlin : PRO & Contra

Fatina Keilani

Natürlich werden sie alle wieder aus ihren Löchern kommen, die Verfechter der reinen Lehre und Verächter der Event-Kultur. Sie werden die Ausstellung als Kommerz diffamieren und ihre Besucher als kulturelle Dünnbrettbohrer, die aus lauter Oberflächlichkeit unsere famosen Sammlungen nicht in Gänze sehen wollen, weil sie ihnen intellektuell auch gar nicht gewachsen sind. Und wenn schon! Sollen sie doch auf ihrem hohen Ross sitzen bleiben, während wir anderen uns einmal anschauen, was Experten denn so für Berlins beste Kunstwerke halten.

Das wird mehrere Effekte haben: Die Hilflosen, Überforderten, die auch aus einem Riesenbuchladen ohne Kauf rausgehen, weil sie in der schieren Menge orientierungslos untergegangen sind, werden dankbar sein dafür, dass jemand sie an die Hand nimmt. Dass jemand das wundervolle, doch auch unschaffbar große Angebot, ja: konsumierbar gemacht hat. Es werden vielleicht nicht die geübten treuen Museumsgänger sein, die da kommen, sondern ungeübte Neue. Aber vielleicht finden sie ja Geschmack daran.

Vielleicht werden diese Novizen auch überprüfen wollen, ob auch sie die gesehenen Kunstwerke für Berlins beste halten, vielleicht werden sie die Auswahl der Experten anzweifeln. So entstehen doch hungrige und kritische Geister. Vielleicht ist das der Weg, Menschen für die großen Sammlungen zu interessieren. Und wenn nicht – dann haben sie immer noch Kunst gesehen.

Best of Berlin? Hoffen wir, dass Bundespräsident Horst Köhler mit seiner Idee einer Turboausstellung der Berliner Kunst bloß einen Schnellschuss abgefeuert hat. Sonst müsste man sich fragen, ob er am Beispiel einer Ausstellung mit den Megahits der Kunst zeigen will, dass sich unsere geschätzte Kulturnation nicht mal mehr halb-ernst nimmt. Es war doch mal so, dass Kunst in Museen und Galerien gezeigt wurde, weil man sie im Zusammenhang sehen und verstehen und sich erschließen kann. Ein Gemälde ploppt nicht auf wie eine Internetwerbung. Man sieht sich hinein, sieht dann anderes aus der Zeit, und vielleicht hat man daran Freude oder versteht etwas mehr von dieser Zeit. So war das mal. Wenn man sich die Mühe nicht mehr machen will, sollte man konsequenterweise die Finanzierung von Museen, Orchestern und Bibliotheken einstellen und den Inhalt bei Ebay anbieten. Vorher kann man noch einen Hitparadenmacher durch die Museen schicken, um „Best of Berlin“ zusammenzuraffen – oder besser eine Kommission, der auch Sabine Christiansen, Thomas Gottschalk und Daniel Küblböck angehören. Die laufen dann durch die Museen und ranken: Botticellis Venus? Nein, zu wenig Oberweite. Vermeers junge Dame mit dem Perlenhalsband? Apart, aber abgehoben. Sagt heute keinem etwas. Und wir bestehen darauf, dass Nofretete auf dem Pergamon-Altar stehen wird. Überhaupt sollte man das Kunsthandwerk einbeziehen, mit Berlins schnellstem Opel Kadett neben Nofretete. Die Schlange reicht bis Magdeburg. Werner van Bebber

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